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Mit zwei kleinen Kindern am Bord fuhr eine betrunkene Mutter durch Pforzheim. Dabei fiel der Säugling - von der Mutter unbemerkt - in den Fußraum. Nun wird die Familie regelmäßig vom Jugendamt besucht.
Mit zwei kleinen Kindern am Bord fuhr eine betrunkene Mutter durch Pforzheim. Dabei fiel der Säugling - von der Mutter unbemerkt - in den Fußraum. Nun wird die Familie regelmäßig vom Jugendamt besucht. © Symbolbild: dpa
30.01.2012

Mutter mit 2,2 Promille: Besuche durch Jugendamt Enzkreis

Enzkreis. Die Familie der 34-jährigen Mutter, die mit zwei Kindern im Wagen betrunken Auto gefahren war, wird nun regelmäßig vom Jugendamt Enzkreis besucht. „Als wir davon erfuhren, haben wir der Familie noch am selben Tag einen Hausbesuch abgestattet“, sagte Jugendamtsleiter Wolfgang Schwaab gegenüber PZ-news.

Der Fall hatte für Kopfschütteln und Entsetzen in der Region gesorgt: Mit 2,2 Promille war die Mutter vor gut einer Woche von der Karlsruher Straße auf die Kurze Steig gefahren. Mit an Bord: Neben einem Kleinkind in seinem Kindersitz ein Säugling, der in den Fußraum des Autos gerutscht war. Die Mutter hatte dies nicht gemerkt. Erst ein Polizist hatte die gefährliche Situation erkannt, nachdem die Frau trotz roter Ampel abgebogen war und die Streife sie gestoppt hatte.

Nach dem Ende der Trunkenheitsfahrt übergaben die Beamten den Nachwuchs in die Obhut des Vaters und informierten das Jugendamt Pforzheim. Doch die Frau wohnt mit Mann und Kindern im Enzkreis. Die Folge: Einen Tag später wurde der Fall an die dortigen Kollegen weitergereicht.

Kinder sind weiterhin in Obhut der Eltern

Zu Beginn der vergangenen Woche suchten diese das Gespräch mit den Eltern. „Natürlich war die konkrete Situation im Auto eine Gefährdung des Kindeswohls“, so Jugendamtsleiter Schwaab. Jedoch habe das Jugendamt beim Besuch vor Ort keine dauerhaft bestehende akute Gefährdung feststellen können. Und was laut Schwaab ganz wichtig sei: „Die Kooperationsbereitschaft der Eltern ist vorhanden.“ Deswegen dürften die beiden Kleinkinder nun in ihrem gewohnten Umfeld bleiben – im Interesse des Nachwuchses, wie der Amtsleiter betont: „Denn das Herausreißen aus einer Familie kann für die Kinder eine traumatisierende Erfahrung sein.“ Jedoch wurden weitere Besuche vereinbart. So soll die Entwicklung der Familie beobachtet und Hilfsangebote gemacht werden.

Die nächsten Vor-Ort-Termine mit der betroffenen Familie stehen bereits fest. Zwar seien prinzipiell auch unangekündigte Kontrollen möglich, so Schwaab. Jedoch hätten diese gleich mehrere Nachteile: Zum einen könnten sich Eltern dem Besuch verweigern. Dann käme das Jugendamt nur mit Unterstützung der Polizei in die Wohnung – falls diese denn eine akute Gefährdung des Kindeswohls erkennt. Zum anderen wolle man Vertrauen herstellen und den Eltern die Botschaft vermitteln, helfen zu wollen, erklärt der Jugendamtsleiter. Daher seien mit Polizei- oder Gerichtsgewalt – das wäre der nächste Schritt – erzwungene Besuche nur das letzte Mittel.

Mögliche weitere Schritte des Jugendamts, die in dem konkreten Fall der Familie aus dem Enzkreis laut Schwaab jedoch unwahrscheinlich sind, können weitreichend sein: Von einer ambulanten Familienhilfe und Beratungsbesuchen bis zur Unterbringung der Kinder in Vollzeitpflege. Kosten entstünden den Familien für die Besuche der Jugendamtsmitarbeiter nicht, so Schwaab.

111 Kinder im Enzkreis in Pflegefamilien

Derzeit werden im gesamten Enzkreis 111 Jugendliche in mehr als 80 Vollzeitpflegefamilien betreut. „Wir legen großen Wert auf die Bewerbung, die Qualität und die Auswahl der Familien“, betont Wolfgang Schwaab. So müssen die interessierten Familien einen Bewerbungskurs absolvieren, nach dem beide Seiten – die Familien selbst wie auch das Jugendamt – noch ihre Zustimmung verweigern können. Zudem gibt es im Enzkreis regelmäßige Fortbildungsangebote, Treffen zum Erfahrungsaustausch sowie die Möglichkeit einer „Supervision“. Das heißt: Wenn jemand mit dem Pflegekind an seine Grenzen stößt, kann er auf die Hilfe eines Fachmanns zurückgreifen.

Der enge Kontakt zu den Pflegefamilien ist Wolfgang Schwaab wichtig. Auch deswegen hält er die Wahrscheinlichkeit, dass es im Enzkreis einen Fall drogenabhängiger Pflegeeltern wie in Hamburg gibt, für äußerst gering. In der Hansestadt war ein elfjähriges Mädchen an einer Vergiftung mit der Heroin-Ersatzdroge Methadon gestorben, welche ihren Pflegeeltern gehört hatte. „Hier in den ländlichen Gegenden sind wir enger an den Familien als in Großstädten“, so Schwaab. Doch auch er kann die Gefahr drogen-, alkohol- oder tablettenabhängiger Eltern nicht ausschließen: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir es mitbekommen würden, wenn jemand Drogen nimmt. Aber komplett ausschließen kann man das nie – wir sehen in die Leute ja nicht rein.“