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Konzentration und Kontrolle – darum gehe es beim Sportschießen. Die Ausbildung im Schützenverein fördere daher also eher die psychische Stabilität der Jugendlichen, als dass sie potenzielle Amokläufer hervorbringt, sagt der Königsbacher KKS-Trainer Jens Müller.
Konzentration und Kontrolle – darum gehe es beim Sportschießen. Die Ausbildung im Schützenverein fördere daher also eher die psychische Stabilität der Jugendlichen, als dass sie potenzielle Amokläufer hervorbringt, sagt der Königsbacher KKS-Trainer Jens Müller. © Seibel
24.09.2010

Nach Amoklauf öffentlicher Druck auf Schützenvereine

KÖNIGSBACH/STUTTGART. Nach dem Amoklauf einer 41-jährigen Rechtsanwältin mit vier Toten am vergangenen Sonntag in Lörrach ist erneut die Forderung nach einer Verschärfung des Waffenrechts laut geworden. Die Grünen in Baden-Württemberg forderten eine stärkere Kontrolle von Waffenbesitzern. Bei Jens Müller, dem stellvertretenden Vorsitzenden der KKS-Schützen aus Königsbach, stößt diese Forderung nicht generell auf Ablehnung „aber ich zweifle an der praktischen Umsetzbarkeit“, so Müller zu einer zentralen Lagerung.

Tief durchatmen. Der Blick geht ins Leere. Anlegen, zielen, ein trockenes Klack. Wieder durchatmen. Das Gewehr absetzen. Nachladen. Wieder sammeln. Fast eine Minute dauert es, bis der nächste Schuss fällt. Amok. Kommt laut Wörterbuch aus dem Malaiischen. Meng-âmok: In blinder Wut angreifen und töten, oft einhergehend mit Kontrollverlust.

Weiter entfernt könnte das Training der acht Nachwuchsschützen des KKS Königsbach an diesem Abend gar nicht vom wilden Ballern bei einem Amoklauf entfernt sein. Und doch ist es nah beisammen in den Köpfen vieler Leute. Zu verdanken haben das die Sportler den Mördern von Erfurt, Winnenden und zuletzt Lörrach. Die Täterin dort war Mitglied in einem Schützenverein, hat mit einer Sportwaffe getötet.

„Oh Gott, jetzt kommt die Diskussion schon wieder“, dachte Alexander Burger als er aus den Nachrichten von der Tat erfahren hat. Und der 24-jährige Königsbacher war mit diesem Gedanken ganz sicher nicht alleine unter den 1,5 Millionen Sportschützen in der Republik. Und in der Tat: Wieder begann die Debatte um die Verschärfung des Waffenrechts. Wieder wurden die Schützen unter Generalverdacht gestellt. „Ja, ich habe mir schon einige dumme Sprüche anhören müssen“, sagt Burger leicht resigniert. Er ist die Diskussionen leid: „Vor allem wenn die Leute nach dem Motto kommen: Ihr Sportschützen seid doch eh bloß Amokläufer.“ Und das komme immer häufiger vor.

Auch Jens Müller musste sich schon für seinen Sport rechtfertigen. Oft. „Ich bin Physiotherapeut – glauben Sie mir, da ist während der Behandlungen viel Zeit zum Reden“, sagt der stellvertretende KKS-Vorsitzende: „Ich muss und will mich der Diskussion stellen.“ Das sei er seinem Sport schuldig.

Erschrocken war Müller über einige Reaktionen nach dem Amoklauf von Winnenden. „Da haben Kinder aus unseren Sportgruppen erzählt, dass in der Schule über das Geschehen geredet wurde und danach die aufstehen mussten, die in einem Schützenverein sind.“ Frei nach dem Motto: Seht her, das sind auch so welche. „Da waren Kinder dabei aus unserer Gruppe ,Toben macht schlau‘. Die schießen noch nicht einmal“, schüttelt Müller den Kopf angesichts der offensichtlichen Vorurteile.

Immer wieder erklärt der ehemalige Zweitliga-Schütze und Trainer, welche Werte Kindern und Jugendlichen im Schützenverein vermittelt werden. „Wir haben aus Sicherheitsgründen auch welche heimgeschickt, wenn wir gemerkt haben, dass sie der Verantwortung im Umgang mit einer Waffe nicht gewachsen waren“, stellt der 34-Jährige klar.

Unter anderem gehe es ihm darum, seine Schützlinge psychisch stark zu machen, nicht zuletzt, damit sie dem Druck des Wettkampfs gewachsen sind. Das Training auf der Luftgewehranlage des KKS zeigt, dass es ihm ernst damit ist. Müller ist eine Autorität, fordert Disziplin und Konzentration. Zehn Meter ist das Ziel entfernt. Die Zehn, die es zu treffen gilt, gerade einmal einen halben Millimeter groß. Es geht um die Kontrolle des Körpers und der Nerven. „Die, die hier stehen, sind sehr verantwortungsvoll“, sagt Müller. Ein potenzieller Amokläufer – der sich ja im Gegenteil durch psychische Labilität und Kontrollverlust auszeichne – sei jedenfalls nicht dabei: „Da würde ich für jeden die Hand ins Feuer legen“, sagt Müller ohne zu zögern.

Eine von ihnen ist die 19-jährige Lena Borchardt. Gefragt, ob sie angesichts des Generalverdachts und des permanenten Rechtfertigungsdrucks jemals ans Aufhören gedacht habe, sagt die DM-Teilnehmerin fast entschuldigend: „Nein, ich bin doch eine ernsthafte Sportschützin.“ Ihre zwei Brüder haben dagegen dem Schießsport inzwischen den Rücken gekehrt. Das habe zwar nicht nur etwas mit den Amokläufen zu tun gehabt, aber: „Die wurden nach Winnenden teils schon angefeindet.“

Spurlos sind die Amok-Diskussionen auch an Bernd Fränkle, dem deutschen Schülermeister mit dem Luftgewehr, nicht vorbeigegangen: „Klar macht man sich seine Gedanken, wenn man das hört.“ Aufhören kommt aber auch für den für den 15-Jährigen nicht in Frage. Lieber erklärt er den Leuten, „wie’s bei uns halt wirklich ist.“

Damit geht es ihm wie den meisten Schützen. „Eine Austrittswelle gab es nach den Amokläufen bei uns jedenfalls nicht“, erklärt Vereins-Vize Müller: „Ganz im Gegenteil. Da haben sich einige Leute wieder daran erinnert, dass sie ja eigentlich in einem Schützenverein sein müssen, wenn sie eine Waffe zu Hause haben.“
Und so machen sie weiter beim KKS Königsbach, auch nach Lörrach. Durchatmen. Anvisieren. Schießen. Bis zum nächsten Amoklauf. Dann werden die Sportschützen selbst wieder ins Visier der öffentlichen Kritik geraten. Sven Bernhagen

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