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21.02.2009

Nazi-Sprüche gegrölt: Staatsschutz ermittelt gegen Schüler

NIEFERN-ÖSCHELBRONN/PFORZHEIM. Wegen des Verdachts der Volksverhetzung ermittelt der Staatsschutz gegen zehn Pforzheimer Gymnasiasten. Sie wurden gegen einen jüdischen Mitschüler ausfällig.

Es machte Siegfried Sonnenberg fassungslos, was der Rektor des Kepler-Gymnasiums da Stück für Stück aus einem 17-jährigen Schüler herausbekam. Der hatte sich zunächst lediglich mit der Bitte an ihn gewandt, die Schule wechseln zu können.

Einen vorläufigen Höhepunkt fanden die Vorgänge offensichtlich am zweiten Weihnachtsfeiertag des vergangenen Jahres. Wie die Polizei erst gestern mitteilte, tauchten sieben Jugendliche im Alter von 17 Jahren gegen 0.50 Uhr von einer Party kommend vor dem Elternhaus ihres jüdischen Mitschülers in Niefern-Öschelbronn auf. Dort zündeten sie einen Feuerwerkskörper, der einen Fensterrahmen beschädigte. Anschließend schrie die Gruppe antisemitische Parolen. Nach einer Meldung des SWR soll einer der Jugendlichen vor das Elternhaus uriniert haben. Nach Informationen der PZ war der 17-Jährige auch an der Schule antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt.

Unmittelbar nach Weihnachten habe der Staatsschutz mit den Ermittlungen gegen die Schülergruppe begonnen, sagte Oberstaatsanwalt Christoph Reichert gestern: „Die Polizei war gleich am nächsten Tag am Tatort.“ Die einzelnen Tatbeiträge der Schüler müssten aber noch festgestellt werden, so Reichert. Polizei und Staatsanwaltschaft Pforzheim würden die antisemitischen Beleidigungen „nicht verniedlichen“. „Bisher zeichnen sich jedoch keine organisierten Umtriebe einer rechtsextremistischen Gruppe ab“, sagte Christoph Reichert. Die Familie des Opfers hat in der Zwischenzeit einen Anwalt eingeschaltet.

Die israelitische Kultusgemeinde wollte sich auf Anfrage gestern nicht äußern. Man habe auf der einen Seite kein Interesse daran, dass die Taten aufgebauscht würden, lege aber dennoch Wert darauf, dass die Öffentlichkeit angemessen informiert werde. Mit Informationen hat Siegfried Sonnenberg in der Zwischenzeit seine Schule versorgt. Lehrer, Eltern und Schüler wissen Bescheid, was passiert ist. Die Schüler organisierten gestern spontan erste Solidaritätsbekundungen für ihren 17-jährigen Mitschüler. Für Sonnenberg ist es unerklärlich, was in den Köpfen derjenigen Kepler-Gymnasiasten vorgegangen ist, die derzeit für die Taten verantwortlich gemacht werden. Ursachen und Folgen des Antisemitismus würden an der Schule in den Fächern Deutsch, Geschichte, Religion und Ethik mit den Schülern besprochen.
Besonders erschüttert ist Sonnenberg davon, dass es keinerlei Anzeichen für die Vorgänge gegeben habe: „Da lege ich für jeden meiner Kollegen die Hand ins Feuer.“ Auch wenn die Schlagzeilen dem Image der Schule zunächst schaden könnten: Mauern will Sonnenberg nicht. Dazu gehört für den Rektor, jetzt auch professionelle Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen. Denn eines ist für ihn klar: „Wiederholen darf sich das nicht.“ erl/rst