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Immer mehr freiberufliche Hebammen betreuen Frauen nur noch während und nach der Schwangerschaft. Ihre Tätigkeit als Geburtshelfer haben viele aufgegeben. Foto: dpa
Immer mehr freiberufliche Hebammen betreuen Frauen nur noch während und nach der Schwangerschaft. Ihre Tätigkeit als Geburtshelfer haben viele aufgegeben. Foto: dpa
17.01.2016

Neue Bestimmungen bringen viele Hebammen in Existenznöte

In Bruchsal waren schwangere Frauen im Juni besser damit beraten, auf Knopfdruck zu gebären. Zwei Wochen lang wurden Geburten im dortigen Krankenhaus nur noch zwischen 7 und 17 Uhr durchgeführt. Es fehlte an Hebammen. In Pforzheim und dem Enzkreis ist man laut den Kliniken von einem solchen Szenario weit entfernt, trotzdem schlagen die hiesigen Geburtenhelferinnen Alarm. Eine Geburt außerhalb des Kreißsaals sei in der Region unmöglich geworden – durch steigende finanzielle Belastungen und neue Bestimmungen. Und auch hier sind die freiberuflichen Hebammen wegen ihrer sinkenden Zahl der Flut an Aufträgen nicht mehr gewachsen.

„Ich habe fast täglich eine Anfrage, die ich ablehnen muss“, sagt Margarete Wetzel von der Hebammenpraxis Pforzheim. Ihren Kolleginnen in der Region, laut Internetauftritt der freiberuflichen Hebammen Pforzheim/Enzkreis 25 Stück, gehe es nicht anders. Die Region sei nicht ausreichend mit freiberuflichen Hebammen besetzt, klagt Wetzel. „Wir versuchen der Situation Herr zu werden, indem wir Termine untereinander koordinieren.“

Trotzdem müssen sich werdende Mütter mit teils langen Wartezeiten abfinden. „Der Ton wird immer rauer“, erzählt Wetzel, die seit 1980 im Geschäft ist. Einige sehen ihre Herkunft als Grund für die Ablehnung ihrer Anfrage an – oder dass sie nur gesetzlich versichert sind. Dabei geht es beispielsweise lediglich um Geburtsvorbereitung oder Schwangerschaftsgymnastik. Hausgeburten, eigentlich Kern ihres Berufs, betreut Wetzel schon seit Jahren nicht mehr – wie fast alle ihrer 25 frei-beruflichen Kolleginnen in der Region.

Nur noch eine Hebamme aus Ispringen bietet Entbindungen außerhalb von Kreißsälen an. Und das, obwohl in Pforzheim und dem Enzkreis offenbar hohe Nachfrage danach besteht: Den nächsten Termin für eine Hausgeburt erhalten schwangere Frauen bei der Ispringerin erst wieder Ende Juli, heißt es auf deren Anrufbeantworter.

Vor zehn Jahren habe es in Pforzheim und Umgebung noch rund ein Dutzend Hebammen gegeben, die Hausgeburten betreuen, so Wetzel. „Heute finden Entbindungen fast nur noch in Kliniken statt.“ Die Zahl der hiesigen Hausgeburten schätzt die Pforzheimerin mittlerweile auf zehn bis 15 im Jahr. Zum Vergleich: Im Klinikum Pforzheim kamen im vergangenen Jahr 1329 Kinder zur Welt, im Siloah St. Trudpert 1216 und im Krankenhaus Mühlacker rund 600.

Warum betreuen immer weniger freiberufliche Hebammen Hausgeburten? Der Deutsche Hebammenverband (DHV) hebt einen Grund ganz besonders hervor: Die seit Jahren stetig steigende Berufshaftpflicht bringe Geburtenhelferinnen in Existenznöte. 6270 Euro müssen diese im Jahr dafür berappen. 2003 waren es noch etwas mehr als 1350 Euro gewesen. Weitere Erhöhungen sind für die kommenden Jahre schon geplant.

Ein Schiedsspruch vom September sichert Hebammen, die mindestens vier Geburten im Jahr betreuen, nun zu, dass die Berufshaftpflicht von den Kassen finanziert wird. Am Freitag hätten die ersten Geburtenhelferinnen den Ausgleich überwiesen bekommen, teilte der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) mit. Der DHV beklagt dagegen, dass unterm Strich nur zwei Drittel der Haftpflicht erstattet würden.

Zudem sehe der Schiedsspruch sogenannte Qualitätskriterien vor, die den verbleibenden freiberuflichen Hebammen in der Geburtenhilfe endgültig das Genick brechen könnten. Wird zum Beispiel der errechnete Geburtstermin um drei Tage überschritten, muss ein Arzt hinzugezogen werden – der entscheidet dann, wo das Kind zur Welt kommen soll. „Als Hebamme kann man so nicht mehr planen. Die Hausgeburtshilfe wird dadurch über kurz oder lang wegbrechen“, befürchtet Wetzel. Weiterer Kritikpunkt der Hebammen: Auch in das Selbstbestimmungsrecht der Frau werde mit der neuen Regelung eingegriffen.

Nachwuchsprobleme

Solche Negativschlagzeilen verschärfen die Nachwuchsprobleme ihres Berufsstands noch, sagt Margarete Wetzel. „Es kommen keine Jüngeren nach.“ Seit Jahren finde sie keine neue Kollegin, Praktikanten habe sie schon lange nicht mehr gehabt. Der DHV hat vor dem Berliner Sozialgericht Klage gegen den Beschluss der Schiedsstelle erhoben.