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Wie aus einer anderen Welt ist das alte Marktgeschehen im einst von Landwirtschaft und Handwerk geprägten Birkenfeld noch als Kunstwerk gegenwärtig: Ein junger Enzkreis-Bürger wie PZ-Mitarbeiterin Julia Falk kennt die Gemeinde heute als florierende Wohn- und Industriegemeinde, die mit dem früheren Dorf nicht mehr viel gemeinsam hat. Die Serie „Stadt, Land, Dorf“ begibt sich auf Spurensuche Foto: Seibel
Wie aus einer anderen Welt ist das alte Marktgeschehen im einst von Landwirtschaft und Handwerk geprägten Birkenfeld noch als Kunstwerk gegenwärtig: Ein junger Enzkreis-Bürger wie PZ-Mitarbeiterin Julia Falk kennt die Gemeinde heute als florierende Wohn- und Industriegemeinde, die mit dem früheren Dorf nicht mehr viel gemeinsam hat. Die Serie „Stadt, Land, Dorf“ begibt sich auf Spurensuche Foto: Seibel
In der alten Stube: Maulbronns Stadtarchivar Martin Ehlers im Schafhof. Foto: Lutz
In der alten Stube: Maulbronns Stadtarchivar Martin Ehlers im Schafhof. Foto: Lutz
10.12.2016

Neue PZ-Serie: Expeditionen ins Dorfleben

Enzkreis/Kreis Calw. Die PZ prüft in einer neuen Serie, wie sich der Alltag in den Dörfern verändert hat. Größe der Orte, Sprache, Gemeinschaft, Wirtschaft: Der Wandel ist enorm.

Ein Sonntag auf dem Land um 1960: Der Gottesdienst ist aus, aber zumindest die Männer gehen danach noch längst nicht nach Hause. Nicht vor dem Frühschoppen. Im Gasthaus sitzen sie beieinander und tauschen Neuigkeiten aus. Sie klopfen einen Binokel oder Skat. Die Bürgerschaften auf dem Land, so Ehlers, seien über viele Generationen gewachsen. In einem Dorf wie Schmie gebe es laut Ortssippenbuch viele Familien, die dort seit Jahrhunderten zu Hause sind. Viele arbeiteten in Handwerk und Landwirtschaft – und damit oft im Dorf selbst.

Ein Sonntag im Jahr 2016 sieht anders aus. Morgens fährt der Vater zum nächsten Bäcker, der sonntags geöffnet hat. Der Kirchgang ist bei weitem nicht mehr selbstverständlich. Bekannte trifft man nicht beim Frühschoppen, sondern am ehesten bei Veranstaltungen. Oft ist man aber im weiteren Umkreis unterwegs mit der Familie. Es hat sich viel verändert in den Orten rings um Pforzheim. Die Dörfer sind enorm gewachsen. Eisingen zum Beispiel von 1443 Einwohnern im Jahr 1960 auf heute 4674 Bürger. Darunter sind viele, die im Ort wohnen, aber in der nahen Stadt Pforzheim oder in anderen Enzkreis-Gemeinden arbeiten. Oder in einem nahen Ballungsraum wie Stuttgart. Das gilt besonders für Heckengäu-Dörfer wie Friolzheim, das seit 1960 um das Dreifache gewachsen ist. Die Menschen sind ständig auf Achse: Die Zahl der zugelassenen Fahrzeuge im Enzkreis ist von 60.000 im Jahr 1976 auf zuletzt rund 147.000 angewachsen.

Gemeinden sind längst selbst starke Gewerbestandorte. Heute kommen über 24.400 Menschen zum Arbeiten von außerhalb in den Enzkreis. Baden-Württembergs Landesplaner sehen hier und in den unmittelbaren Nachbargemeinden der Kreise Calw und Karlsruhe keinen ländlichen Raum mehr – mit Sternenfels als einziger Ausnahme. Haben sie Recht? Die „Pforzheimer Zeitung“ zeichnet in der neuen Serie „Stadt, Land, Dorf“ nach, wie viel Dorf noch in den Ortschaften der Region steckt. Was sich verändert hat, was vielleicht geblieben ist. Welche Rolle spielt heute noch der Dialekt? Wo sind die Treffpunkte für die Menschen in den Orten? Wo kaufen die Leute ein? Wir sprechen mit älteren Dorfbewohnern über deren Erinnerungen an den alten Alltag und mit den Jungen über das heutige Leben. Wir fragen unsere Leser nach deren Erfahrungen. Exemplarisch suchen wir dafür Dörfer in der gesamten Region auf. Alle 14 Tage zu anderen Alltagsthemen.

Geschichtsforscher Martin Ehlers sieht eine grundlegende Veränderung zwischen den Dorfgemeinschaften einst und heute. „Die Menschen waren früher nach außen orientiert“, sagt er. Für soziale Kontakte verließen sie die eigenen vier Wände, trafen Nachbarn im Dorf, in der Gaststätte, im Verein, in der Kirche. Heute dominieren Individualismus und Kontakte außerhalb des unmittelbaren Umfelds. Die Verwurzelung im Dorfleben habe abgenommen. Nicht immer mit schlechten Folgen. „Früher konnte man einen Skandal verursachen, wenn man sich in ein Mädchen aus einem anderen Dorf verliebte“, sagt Ehlers. Und Ortsrivalitäten sahen früher ebenfalls anders aus: „Es konnte schon mal passieren, dass sich die Jungs aus Schmie und die aus Maulbronn auf halbem Weg getroffen haben, um einander zu verhauen.“