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Minderjährige Kinder, die ohne Eltern oder Verwandte geflüchtet sind, sind oft sehr selbstständig und bereit, die deutsche Sprache rasch zu lernen.
Minderjährige Kinder, die ohne Eltern oder Verwandte geflüchtet sind, sind oft sehr selbstständig und bereit, die deutsche Sprache rasch zu lernen.
17.11.2015

Neuer Lenkungsstab: Mehr Bildung für Flüchtlingskinder

Zuletzt war die Kreisverwaltung hauptsächlich damit beschäftigt, Plätze und nochmals Plätze für Flüchtlinge zu finden. Der Lenkungsstab des Landratamtes muss zurzeit wöchentlich rund 100 neue Asylsuchende unterbringen. Jetzt hat der Enzkreis eine zweite Steuergruppe eingerichtet: Die Betreuung der Flüchtlingskinder – rund 600 leben jetzt hier – wird immer schwieriger. „Bald sind 1000 Kinder und Jugendliche da“, sagte Sozialdezernentin Katja Kreeb im Jugendhilfeausschuss des Kreistags. Außerdem steigt die Zahl der Minderjährigen, die ohne Eltern oder Verwandte geflüchtet sind. Das zusätzliche Lenkungsteam unter der Leitung von Katja Kreeb und Jugendamtschef Wolfgang Schwaab entwickelt nun Pläne vor allem für die Bildungsförderung der Flüchtlingskinder.

Das Problem, Kinder und junge Leute aus Flüchtlingsfamilien in den Notunterkünften zu betreuen, verschärfe sich zusehends, sagt Schwaab. Sorgen macht er sich aber auch um immer mehr sogenannte „unbegleitete minderjährige Ausländer“, wie sie in der Behördensprache heißen. Für 35 Kinder musste das Jugendamt bisher die Vormundschaft regeln – meistens übernehmen das Mitarbeiter des Amts, in den wenigsten Fällen Pflegefamilien. Ende des Jahres werden es etwa 50 sein, nächstes Jahr rechnet Schwaab schon mit 120 Minderjährigen, die sich bis hierher durchgeschlagen haben und meist in Jugendhilfeeinrichtungen kommen. Solche Plätze sind jedoch rar, so die Kreisverwaltung, und private Anbieter forderten zum Teil bis zu zehnjährige Mietbindungen.

Manche Kinder sind seelisch schwer erschüttert und müssen ganz besonders betreut werden, sagt der Jugendamtsleiter. Aber: „Sehr viele dieser minderjährigen Kinder sind ziemlich selbstständig und hochmotiviert, viel zu lernen, vor allem die deutsche Sprache.“

Die Wirtschaft habe große Hoffnungen, diese jungen Leute für Ausbildungsplätze zu gewinnen, sagte Landrat Karl Röckinger. Im Nordschwarzwald seien aktuell 300 bis 400 Lehrstellen nicht besetzt, auf der anderen Seite gebe es in der Region 250 solcher Flüchtlingskinder, die dafür infrage kommen – vorausgesetzt, sie haben Deutsch gelernt.

In den Sammelunterkünften will sich der Enzkreis gezielt um mehr Bildung für die schulpflichtigen Kinder kümmern. Vor zwei Jahren hatte der Jugendhilfeausschuss sechswöchige Deutsch-Einführungskurse beschlossen. „Die Situation hat sich aber etwas entspannt, weil das Land viele Vorbereitungsklassen sowie Förderkurse, zum Beispiel für Analphabeten, eingerichtet hat“, so Dezernentin Katja Kreeb.

In Mühlacker erprobt

Jedoch sind auch Kinder zu betreuen, deren Familien nicht auf ein Bleiberecht hoffen können. Es sei nicht sinnvoll, diese Kinder in die Regelschule zu bringen. „Doch sie haben einen Anspruch auf Bildung“, sagt Kreeb. In der Turnhalle der Kerschensteiner-Schule in Mühlacker werden sie neuerdings vormittags unterrichtet, das Modell soll auf die anderen Standorte ausgedehnt werden. Ist das Asylverfahren nach sechs Monaten nicht abgeschlossen, kommen die Kinder doch in die Regelschule. Zusätzlich führt der Enzkreis in den Notunterkünften eine Kinderbetreuung an drei Nachmittagen pro Woche für jeweils zwei Stunden ein. Diese Aufgabe werde der Ispringer Verein Honigtopf übernehmen, die Mitarbeiter verfügten über viel Erfahrung, so das Landrat. Als erster Ort für dieses Konzept ist das Firmengebäude in Darmsbach vorgesehen – dort sollen demnächst 300 Flüchtlinge eine vorübergehende Bleibe finden.

Kita-Plätze, Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen seien noch nicht darauf ausgelegt, künftig immer mehr Flüchtlingskinder zu versorgen, so die Verwaltung. „Das geht doch nur, wenn wir Vorschriften wie zum Beispiel für Gruppengrößen ändern“, sagte Frank Schneider (FDP), Oberbürgermeister in Mühlacker.