Wessinger Netz 02
Auf einschlägigen Internetseiten wird ein Artikel der PZ missbraucht, um online Hetze gegen Flüchtlinge aus Afrika und islamischen Ländern zu betreiben.  Foto: Moritz 

Online-Portal missbraucht PZ-Artikel aus Neuenbürg für Hetze gegen Muslime und Afrikaner

Neuenbürg/Berlin. Es ist Ende August dieses Jahres. In sozialen Netzwerken kochen die Emotionen hoch. Warnungen vor Männern machen die Runde, die in einem Park in Neuenbürg Kinder sexuell missbraucht haben sollen. Die „Pforzheimer Zeitung“ greift das Thema auf, hakt bei der Polizei nach und erfährt: Es gab bereits Anfang des Monats tatsächlich einen Vorfall. Die Täter, zwei Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren, hatte die Polizei längst geschnappt.

Im Stadtgarten in Neuenbürg sollen die beiden Jugendlichen zwei Jungen aufgefordert haben, sich vor laufender Kamera auszuziehen und dazu genötigt haben, „gegenseitig Handlungen an sich vorzunehmen“, erklärte damals Florian Herr, Sprecher des zuständigen Polizeipräsidiums in Karlsruhe gegenüber der PZ. Das Video sei in Umlauf geraten. Die Nationalität der beiden mutmaßlichen Täter dürfe aufgrund ihrer Minderjährigkeit nicht veröffentlicht werde, hieß es seitens der Polizei. Und genau dieser Umstand hat im Nachhinein für eine Menge Wirbel gesorgt.

Behauptung:

Im Internet, auf der Seite „Truth24.net“, wird der Eindruck erweckt, die Polizei „vertusche“, dass es sich bei den Verdächtigen um Flüchtlinge aus Afrika beziehungsweise dem islamischen Raum handle.

Bewertung:

Der Fall hat sich tatsächlich ereignet. Doch stammen die Verdächtigen nach Polizeiangaben weder aus Afrika noch aus einem Land im islamischen Raum. Da die Verdächtigen minderjährig sind, gibt die Polizei der Öffentlichkeit jedoch nur zurückhaltend Informationen. Grund dafür: Persönliche Daten von Kindern und Jugendlichen unterliegen in Deutschland einem besonderen Schutz.

Fakten:

In einem Artikel auf der Internetseite „Truth24.net“ vom 19. September 2019 wird der Text der „Pforzheimer Zeitung“ fast eins zu eins übernommen. Zusätzlich werden allerdings Fotos und Stichwörter hinzugefügt, die den Eindruck erwecken, dass es sich bei den Verdächtigen um Flüchtlinge aus Afrika beziehungsweise aus dem islamischen Raum handle. „Truth24.net“ nutzt unter anderem ein Bild von minderjährigen Flüchtlingen aus dem Jahr 2015 und vergibt für den Text Stichwörter wie „Islamisierung“, „Rapefugees“, „pädophile Flüchtlinge“ oder „Moslems vergewaltigen gern kleine Kinder“.

Auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur vom 15. Oktober 2019 teilte eine Sprecherin des Polizeipräsidiums in Karlsruhe mit, dass die Tatverdächtigen nicht aus Afrika oder einem islamischen Land stammten. Angaben zur konkreten Nationalität – also, ob die minderjährigen Verdächtigen deutsche Staatsbürger oder Ausländer sind – teilt die Polizei jedoch auch weiterhin unter anderem aufgrund des Alters der mutmaßlichen Täter der Öffentlichkeit nicht mit.

Selbst die Nationalitäten von erwachsenen Tatverdächtigen veröffentlichen die Behörden in der Regel nur bei Kapitalverbrechen und außergewöhnlichen Vorkommnissen, oder wenn sie für die Tat von Bedeutung sind. Diese Kriterien haben nach Polizeiangaben bei der Tat in Neuenbürg nicht vorgelegen.

Die Seite „Truth24.net“ sensationalisiert den Fall und gibt ihm einen rassistischen Dreh, der nicht der Wirklichkeit entspricht. So ist neben der symbolischen Abbildung eines kleinen Jungen ein Foto von minderjährigen Flüchtlingen zu sehen, deren Gesichter verpixelt wurden. Die dargestellte Szene taucht ursprünglich im April 2015 in einem Bericht von „Spiegel TV“ auf. Seinerzeit ging es um einen Brand in einem Hamburger Flüchtlingswohnheim. Dieses Foto wird immer wieder in falschen Zusammenhängen genutzt, laut der Deutschen Presse-Agentur etwa auch von der rechtsextremen NPD.