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Hartmut Keller, der Geschäftsführer der AOK Nordschwarzwald, sieht die Gesundheitsversorgung besonders auf dem Land im Umbruch. Fotos: Meyer
Hartmut Keller, der Geschäftsführer der AOK Nordschwarzwald, sieht die Gesundheitsversorgung besonders auf dem Land im Umbruch. Fotos: Meyer
Praxisfragen und Baupläne für Pforzheim: Keller im Gespräch mit PZ-Redakteur Alexander und Chefredakteur Magnus Schlecht (von links). Rechts: AOK-Sprecher Harald Brand.
Praxisfragen und Baupläne für Pforzheim: Keller im Gespräch mit PZ-Redakteur Alexander und Chefredakteur Magnus Schlecht (von links). Rechts: AOK-Sprecher Harald Brand.
07.07.2017

PZ-Interview mit AOK-Chef Hartmut Keller: „Man muss immer den Menschen sehen“

Ein Arzt, eine Praxis: So sieht der medizinische Alltag gerade im ländlichen Raum noch immer aus. Das muss sich ändern, wenn man junge Mediziner auch künftig für das Land interessieren will, glaubt Hartmut Keller, Geschäftsführer der AOK Nordschwarzwald. Im Gespräch mit der PZ erläutert er Lösungsideen, wie Versorgungszentren der Zukunft aussehen können. Digitale Technik der Telemedizin könne das unterstützen, solange man den Patienten dabei nicht als Menschen aus dem Blick verliere. Auch die AOK wolle nahe dran sein an ihren Kunden – bis 2020 soll eine neue Zentrale in Pforzheim fertig sein.

PZ: In Kieselbronns Bürgermeisterwahlkampf hat Amtsinhaber Heiko Faber gemahnt, dass es bis in fünf Jahren mit Ärzten im Dorf schlecht aussehen könnte. Wie schwierig ist die Situation bei den Landärzten?

Hartmut Keller: Zur Minute gibt es in Pforzheim und dem Enzkreis kein Problem. Aber wenn man sich anschaut, wie alt viele Allgemeinmediziner heute sind, dann müssen in der Tat in fünf Jahren schon einige Nachfolger gefunden werden. Es gibt Förderprogramme, die Mediziner für das Land begeistern sollen. Diese Programme greifen langsam, und Kommunen können sie nutzen. Aber viel wichtiger ist, wie attraktiv eine Gemeinde mit ihrem Wohnumfeld ist – mit Einrichtungen, Angeboten und Infrastruktur.

56 Millionen der rund 82 Millionen Deutschen leben auf dem Land. Ein derart großer Bevölkerungsanteil soll ein Problem haben mit der Ärzteversorgung?

Naja, aber ist diese Versorgung nur eine staatliche Aufgabe?

Es ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe.

Genau. Und es wird einiges getan. Die AOK setzt mit ihrem Hausarztmodell finanzielle Anreize für junge Mediziner. Und in der Region haben viele Akteure, Ärztevertreter, Krankenhäuser und Behörden unter dem Namen „Docs4Pfenz“ eine gemeinsame Initiative gestartet, um Pforzheim und den Enzkreis für Ärzte interessant zu machen. Sehr gut finde ich, dass die verschiedenen Kliniken eine gemeinsame Ausbildung anbieten können, bei der Mediziner von Experten in verschiedenen Häusern lernen können. Genau solche Lösungen brauchen wir. Außerdem setzt die AOK auf Versorgungszentren mit mehreren Ärzten, die Teilzeitmodelle möglich und Vertretungen einfacher machen.

Ein solches Zentrum feiert derzeit in Vaihingen zehnten Geburtstag. Aber insgesamt sieht es eher so aus, als sei die Einzelpraxis immer noch der absolute Standard.

In Baiersbronn gibt es seit einiger Zeit ein Regio-Zentrum mit sieben Ärzten, das gut läuft. Und es gibt mittlerweile weitere gute Beispiele, bei denen Versorgungszentren im Umfeld der Krankenhäuser angesiedelt sind.

Aber täuscht es oder machen die meisten Ärzte immer noch am liebsten ihr eigenes Ding?

Es geht ja auch um eine Abkehr von Strukturen, in denen niedergelassene Ärzte seit langer, langer Zeit praktizieren. Eine Veränderung ist da nicht ganz leicht. Aber wir sehen heute schon eine klare Tendenz, dass Ärzte Praxen zu zweit betreiben. Neue Wege deuten sich aber auch bereits an. In Calw unterstützen wir gemeinsam mit dem Landkreis und der Robert-Bosch-Stiftung das Projekt einer PORT-Praxis, ein Zentrum zur Primär- und Langzeitversorgung, spezialisiert auf die hausärztliche Versorgung. Oder das neu gestartete Projekt TeleDerm. Hier werden Hausärzte durch moderne telemedizinische Geräte bei der Befundung unterstützt – das heißt, ohne den Facharzt aufsuchen zu müssen.

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