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Wer trägt welche Verantwortung? Der Hauptbeschuldigte (verpixelt) und die drei Mitangeklagten (hinter Mappen) samt ihrer Anwälte im Schwurgerichtssaal.

Paulus-Prozess: So bringen sich die Beteiligten in Position

Karlsruhe/Pforzheim/Birkenfeld. Mord, geplanter Mord, Waffenraub, sexueller Missbrauch – diese Vorwürfe stehen im Raum. Vier Männer aus Pforzheim und dem Enzkreis müssen sich seit Montag vor der Schwurgerichtskammer des Karlsruher Landgerichts für teils mehrere Delikte oder Beihilfe dazu verantworten.

Hauptbeschuldigter ist ein 30-jähriger Italiener. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft vor, im vergangenen August den Gräfenhausener Büchsenmacher Simon Paulus getötet und seine gut 20 Waffen geraubt zu haben. Zudem soll er zusammen mit zwei 26 und 27 Jahre alten Mitangeklagten vorgehabt haben, eine 60-Jährige im Enzkreis zu ermorden, um an ihr Erbe zu kommen. Ein 42-Jähriger soll geholfen haben, Paulus’ Leiche zu entsorgen.

Ihre Anklage stützt die Staatsanwaltschaft unter anderem auf Teilgeständnisse der drei Mitangeklagten bei der Polizei. Genau hier setzt die Kritik von Anwalt Ulrich Sommer an, der den Italiener zusammen mit dem Pforzheimer Cornelius Schaffrath verteidigt.

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Sommer bezeichnet die Ermittlungen als „Spiel“, bei dem es aus seiner Sicht nur darum gegangen sei, den König, also seinen Mandanten schachmatt zu setzen. Mit ihren Aussagen hätten die Mitangeklagten möglicherweise versucht, möglichst viel Schuld beim Italiener abzuladen. Deshalb müsse man „vorsichtig sein mit den Angaben der anderen“. Und auch wenn die Staatsanwaltschaft darauf hinweist, dass die Aussagen im Zuge der Ermittlungen mit anderen Indizien und Erkenntnissen abgeglichen worden seien, sagt Sommer: „Das kann so nie und nimmer in der Hauptverhandlung bewiesen werden.“

Regina Schmid, Sprecherin der Pforzheimer Staatsanwaltschaft, sieht das Vorpreschen Sommers, noch ehe die Beweisaufnahme im Prozess überhaupt begonnen habe, als „taktisches Mittel“. Dafür sei der 67-jährige Jurist aus Köln bekannt, der auch als Professor lehrt und sich mit den psychologischen Aspekten von Strafverhandlungen auseinandergesetzt hat.

Der Hauptbeschuldigte sagte in der Verhandlung jedenfalls, er sei froh, dass der Prozess nun beginne: „Ich möchte zu meinem Alltag und meiner Familie zurück.“ Das wertet Sommer gegenüber Journalisten anschließend so: „Mein Mandat bestreitet alle Anklagevorwürfe.“ Ob er folglich auch Freispruch für seinen Mandanten fordern wird, lässt Sommer allerdings offen: Das wolle er „am Ergebnis der Beweisaufnahme“ festmachen.

Kein einziges Wort fiel am ersten von 21 geplanten Verhandlungstagen vonseiten der Angeklagten oder ihrer Verteidiger zu den Taten. So ist nach wie vor offen, aus welchem Motiv Paulus überhaupt umgebracht wurde. Selbst die Frage von Journalisten, ob sein Mandant und Simon Paulus sich gekannt hätten, wies Sommer zurück.

Waffen verbindendes Element?

Nach PZ-Informationen waren der Büchsenmacher und der Hauptbeschuldigte zeitweise Nachbarn in Pforzheim und hatten sich auf diesem Wege kennengelernt. Dass die Waffen ein verbindendes Element waren, scheint nicht unwahrscheinlich.

Ausführlich erzählte der 30-jährige Italiener zum Prozessauftakt von seinem bisherigen Leben – unter anderem davon, dass Filmemachen eines seiner großen Hobbys sei. So sei er im Oktober auch beim Dreh verhaftet worden, „vor versammelter Mannschaft“. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. In seinen Filmen ist er mehrfach auch mit Pistolen und Gewehren in teils martialischer Pose zu sehen. Und vor Gericht bestätigt er: „Ich war ein paarmal im Schützenverein und habe geschossen, um es überzeugend rüberzubringen im Film.“

Bis spätestens Mitte September sollen 41 Zeugen und acht Sachverständige gehört werden. Weiter geht’s am 13. Mai. Dann wollen sich die drei Mitangeklagten erstmals äußern. Zu persönlichen Verhältnissen, möglicherweise aber auch zu den Taten – zumindest in einem Fall in Form einer Erklärung durch den Anwalt. Dann werden die Karten neu gemischt. Oder wie der Hauptbeschuldigte am ersten Verhandlungstag – ungeachtet dessen, dass ihm eine lebenslange Haftstrafe droht – lapidar sagte: „Ich bin gespannt, wie es weitergeht.“

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