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„Immer auf der Höhe“ sehen sich die Kieselbronner. Foto: Ketterl
„Immer auf der Höhe“ sehen sich die Kieselbronner. Foto: Ketterl
08.07.2017

Pforzheim aus der Enzkreis-Perspektive - ein Spiel mit Frotzeleien, kecken Slogans, aber auch echtem Selbstbewusstsein

Enzkreis/Pforzheim. Kieselbronn liegt 367 Meter hoch. Will man von dem Enzkreis-Dorf nach Pforzheim, dann führt einen der Weg immer nach unten. Die Goldstadt in den Tälern von Enz und Nagold wird auf 273 Meter über dem Meeresspiegel vermessen. Manchmal, wenn Enzkreis-Bürger wie zuletzt nach Kieselbronns Bürgermeisterwahl Seitenhiebe auf Pforzheim austeilen, beschleicht einen das Gefühl, dass dieses Selbstbewusstsein der Gemeinden gegenüber der Großstadt auch mit den Höhenunterschieden zusammenhängen könnte.

In Kieselbronn war das jüngste Beispiel der Stolz auf die gute Wahlbeteiligung vergangenen Sonntag. Über 58 Prozent der Stimmberechtigten hatten darüber mitreden wollen, wer künftig die Amtsgeschäfte im Rathaus führt. „Das Ziel, Pforzheim zu verdoppeln haben wir zwar knapp verfehlt...“, hatte Wahlleiter Phi-lipp Kreutel zu kommentieren begonnen – der Rest ging in fröhlichem Gelächter unter. Zur Wahl des Oberbürgermeisters im Mai waren nämlich nur 38 Prozent der Pforzheimer gegangen.

Kleine Frotzeleien unter Nachbarn sind das. Aber sie erhalten in so mancher Gemeinde Nahrung auch dadurch, dass man finanziell völlig gesund dasteht, während die Großstadt unter Problemen ächzt. Der Enzkreis ist im Land regelmäßig ein Podestkandidat in Sachen niedrigste Arbeitslosigkeit – Pforzheim kämpft genauso regelmäßig gegen die rote Laterne des Schlusslichts.

Wenn dann noch die topographische Lage zu solchen wirtschaftlichen Höhenflügen passt, taugt das für kecke Slogans. „Immer auf der Höhe“ steht im Logo Kieselbronns. Und Höhenluft wittern auch die Engelsbrander auf der anderen Seite der Goldstadt. „Engelsbrand – ganz oben im Enzkreis“, heißt eine Facebook-Gruppe dort. Auch wenn strenggenommen Neuenbürgs Höhenstadtteil Dennach mit rund 620 Metern die rund 590 Meter der Gemeinde Engelsbrand übertrifft. Und der Nachbarort Langenbrand im Kreis Calw liegt schon 650 Meter hoch. Aber spektakuläre Aussichten, wie man sie etwa von Engelsbrands Teilort Grunbach aus über Pforzheim und das Enztal hat, vermitteln einem dennoch das Gefühl: „Wo wir sind, ist oben.“

Die Region hat sogar ein anschauliches Wort für Pforzheims Nachbarn mit Ausblick: Dachtraufschwaben. Es wird zwar manchmal auch für die Grenz-Badener selbst verwendet. Rings um Pforzheim hört man den Begriff aber meistens in einer Bedeutung, die Mundart-Experte und Sprachwissenschaftler Helmut Vester einmal so erklärt hat: „Es gibt eine Geschichte, dass Väter ihre Neugeborenen früher zum Dachtrauf rausgehalten und gesagt haben sollen: ‚Guck rei nach Pforze. Da musch dei Geld verdiene.‘“ Vester ist Birkenfelder (352 Meter) – noch so eine wirtschaftlich florierende Gemeinde, von der aus man auf die Goldstadt hinunterschauen kann. Auch den Wurmbergern (450 Meter über dem Meeresspiegel) wird das Etikett Dachtraufschwaben gerne angeheftet. Pforzheim hat in dieser Hinsicht einfach topographisches Pech: Die Stadt ist von Höhenorten regelrecht umzingelt.