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Hans Gölz-Eisinger mit seiner jüngsten Tochter Lena beim Altar der Werktagskirche. Über die Weihnachtstage verbringt die Pfarrersfamilie viel Zeit zusammen – auch in der Kirche.  Foto: Seibel
Hans Gölz-Eisinger mit seiner jüngsten Tochter Lena beim Altar der Werktagskirche. Über die Weihnachtstage verbringt die Pfarrersfamilie viel Zeit zusammen – auch in der Kirche. Foto: Seibel
24.12.2015

Pforzheimer Pfarrer Hans Gölz-Eisinger: „Ich bin so eine Art Weihnachtsjunkie“

Wie ist Weihnachten eigentlich für einen Pfarrer? Ein Gottesdienst jagt den nächsten, und jeder erwartet vom Gemeindepfarrer ein paar nette Worte. Das klingt nach Stress. Hans Gölz-Eisinger dagegen findet es „einfach sensationell“. Im Gespräch mit der PZ erzählt der Pforzheimer Stadtkirchenpfarrer vom weihnachtlichen Alltag in seiner Familie. Trotz der ganzen kirchlichen Verpflichtungen, oder auch gerade deshalb ist die ganze Familie viel zusammen: Während er am Alter steht, singen Frau und Kinder im Chor.

PZ: Herr Pfarrer, was wünschen Sie sich zu Weihnachten?

Hans Gölz-Eisinger: Eigentlich nichts, was man mit Geld kaufen kann. Seit einigen Jahren überlegen meine Frau und ich, welche größeren Anschaffungen anstehen. Wir sparen schon längere Zeit auf ein E-Bike. Nach Weihnachten gehen wir auf die Suche. Dann werden wir richtig Spaß daran haben. Eigentlich wünsche ich mir zu Weihnachten Zeit mit Menschen, die mir und meiner Familie etwas bedeuten.

PZ: Wie sieht Ihr Weihnachtsfest so aus? Wahrscheinlich beginnt das nachmittags mit dem Krippenspiel ...

Hans Gölz-Eisinger: ... das beginnt schon morgens. Wir besuchen einen sehr guten Freund zum Geburtstag. Danach fährt meine Frau mit den Kindern zu meiner Schwägerin, die ebenfalls Geburtstag hat. In diesen Stunden kann ich zum Beispiel meine Predigt noch fertigmachen oder das Weihnachtszimmer vervollständigen. Ab 14 Uhr gehen die Kinder zur Chorprobe, um 14.30 Uhr beginnt ja schon der Familiengottesdienst. Danach ist Einsingen für den großen Christvesper-Gottesdienst um 17 Uhr. Da ist dann die ganze Familie dabei.

PZ: Was ist bei der Christvesper geboten?

Hans Gölz-Eisinger: Dieser Gottesdienst lebt von einer Mischung aus Musik, schönen Texten und Begegnung. Sehr viele Besucher und Gemeindeglieder kommen da und hören Stücke aus dem Weihnachtsoratorium oder dem „Messias“ – vieles, was einfach wunderschön ist. Sie schätzen das große Orchester, den Chor und die Solisten, sie freuen sich am zehn Meter hohen Christbaum. Und wenn dann während der Predigt alle Lichter ausgehen und nur noch die Kerzen am Baum und am Altar brennen, dann ist das einfach fantastisch. Anschließend ist immer noch etwas Zeit, um mit vielen kurz zu sprechen und sich zu freuen, wen man alles wiedersieht. Da treffen wir etliche Menschen, die wir übers Jahr nicht sehen. Ich finde das großartig. Gegen halb acht Uhr sind wir zu Hause und richten das Essen. Es gibt oft das Gleiche, nämlich Nudelauflauf. Da ist’s dann ruhig und familiär. Um 22 Uhr geht es weiter – zum Einsingen für die Christmette, die um 23 Uhr losgeht. Da singt wieder die komplette Familie bis auf die Jüngste, und ich stehe vorn. In der Nacht treffen wir uns mit denen, die noch Lust haben, im Gemeindehaus zu einer Mitternachtssuppe und lassen den Tag ausklingen.

PZ: Wie kriegen Sie da die Bescherung noch unter?

Hans Gölz-Eisinger: Seit ein paar Jahren machen wir keine große Bescherung mehr an Heiligabend. Das haben wir den Kindern einmal vorgeschlagen und die waren damit einverstanden. Es gibt für jeden einfach nur ein Geschenk. Und der Rest des Abends ist Zeit füreinander.

PZ: Damit ist auch Ihre Elfjährige Tochter einverstanden?

Hans Gölz-Eisinger: Im ersten Jahr hat es mich gewundert, dass sich alle Kinder darauf einlassen. Aber wir waren uns einig, dass alles so viel entspannter ist. Am 24. wollen wir auch Zeit für uns. Und am 25. gibt es dann noch die restlichen Geschenke – und das sind richtig viele. Jedes Kind hat mehrere Paten und die sind aufmerksam, und auch in der Gemeinde haben wir natürlich gute Freunde. Am 25. gehen wir nicht weg, besuchen keine Verwandten, dieser Tag gehört uns.

PZ: Und da gibt’s auch keinen Gottesdienst?

Hans Gölz-Eisinger: Doch. Der Gottesdienst vormittags würde uns fehlen. Das ist ein Kantatengottesdienst, das heißt, die halbe Familie ist wieder am Singen. Das Frühstück wird kurz, ich bereite mich auf den Gottesdienst vor und die meisten singen schon im Chor. Danach sehen wir dann unsere Freunde beim Kirchencafé. Am 26. haben wir den dritten großen Tag mit viel Musik: Da ist Singgottesdienst mit dem Motettenchor, und eine Kollegin gestaltet den Gottesdienst kreativ. Überhaupt: Die Gottesdienste sind gute Stunden, die Weihnachten den geistlichen Tiefgang geben.

PZ: Das klingt sehr ausgefüllt, aber nicht so, als ob Sie an Weihnachten gerne Urlaub hätten.

Hans Gölz-Eisinger: Nein. Ich bin so eine Art Weihnachtsjunkie. Ich finde Heiligabend und die Tage danach einfach sensationell.

PZ: Was ist so toll an Weihnachten?

Hans Gölz-Eisinger: Dass die Leute für einen Tag das Gute wollen. Sie wollen, dass das ein guter Tag wird, und jeder bemüht sich darum. Ich finde es falsch, dass das oft schlechtgeredet wird. Viel Leute legen im Kopf einen Schalter um, und dann passieren Dinge, die übers Jahr nicht passieren. Das hat für mich nichts Zwanghaftes, sondern eher etwas mit guter Erziehung zu tun. Wenn ich zum Essen eingeladen bin, dann diskutiere ich auch nicht die kontroversesten Themen, weil man sonst nur streitet, anstatt gemeinsam den Abend zu genießen. Da gibt es Tabuzonen, das ist nichts Verlogenes – das ist einfach mal schön! Da entdeckt man gerade mit den Menschen Gemeinsamkeiten, denen man sonst vielleicht nicht so nahe ist. Das passiert an Weihnachten – weniger an Ostern.

PZ: Ist Weihnachten das wichtigere Fest?

Hans Gölz-Eisinger: Theologisch nicht. Da ist Ostern für mich viel wichtiger, aber emotional ist es Weihnachten. Da darf dieses Kindliche heraus und die Sehnsucht nach Frieden. Die Geschichte ist voll von Weihnachtswundern: In Stalingrad haben die Soldaten aufgehört zu schießen und im Ersten Weltkrieg haben Deutsche und Franzosen die Schützengräben verlassen und zusammen „Stille Nacht“ gesungen. Die Soldaten haben sich gesagt: „Verflixt nochmal, das sind Menschen, auf die wir da täglich schießen. Das darf nicht sein!“ – genau das ist Weihnachten.

PZ: Welche Rolle spielt das Thema Flüchtlinge in Ihrer Weihnachtspredigt?

Hans Gölz-Eisinger: Ich will in der Predigt nicht allzu viel dazu sagen. Jeden Tag ist das Thema in den Medien. Aber es gibt einen Satz, der fallen wird und muss: Dass neben allen berechtigten sachlichen Fragen Weihnachten uns auf eine Spur setzt: Menschen sind um uns herum und jeder hat eine eigene Würde. Das war mit Maria so, deren Würde allerdings nicht geachtet wurde. Da muss so eine junge Frau in einem Stall entbinden. Diese Geschichte steht typologisch für ganz viele Frauen und Männer dieser Welt. Und denen nützt es nichts, wenn wir über Quoten reden. Die sind auch nicht unterwegs, weil sie weg von ihren Elternhäusern wollten. Weihnachten heißt darauf bezogen tatsächlich: Kümmer’ dich um die Leute, ganz menschlich. Ich fürchte, diese Menschlichkeit drohen wir derzeit manchmal zu verlieren.

PZ: Tut die evangelische Kirche genug für die Flüchtlinge?

Hans Gölz-Eisinger: Die badische Landeskirche hat beschlossen, in den kommenden drei Jahren 11,2 Millionen Euro für die Flüchtlinge einzusetzen. Mit dem Geld können Gemeinden unterstützt werden, die sich besonders um Flüchtlinge kümmern. Das können zum Beispiel Gemeinden sein, in denen Gemeindehäuser zu Flüchtlingsunterkünften werden. In Pforzheim wurden da sechs Gemeindehäuser gesichtet – und drei sind geeignet, darunter auch das der Stadtkirche. Also, wenn akute Not herrschen sollte, könnten da binnen kurzer Zeit Flüchtlinge einziehen. Außerdem sind die Mittel auch für die Unterstützung ehrenamtlicher Arbeit vorgesehen und für Förderung der Inte-gration. Mir scheint das Konzept gut mit der Basis abgestimmt zu sein. In Einzelfällen gibt es auch die Möglichkeit von Kirchenasyl, in dem allerdings bundesweit wenig Leute sind. Ich stehe absolut hinter diesem Kirchenasyl, weil es die Ausnahme von guten Regeln ist. Ich wäre dagegen, wenn die Ausnahme zur Regel werden würde. Dann würde ich die Aufregung verstehen und auch unterstützen.

PZ: Wie sehen das Ihre Gemeindemitglieder?

Hans Gölz-Eisinger: Ich habe den Eindruck, das sie das in diesem Einzelfall sehr unterstützen. Sie haben genauso wie andere die Sorge, dass zu viele Menschen nach Deutschland kommen und sind der Ansicht, dass nächstes Jahr nicht einfach eine weitere Million Menschen kommen kann. Aber sie sehen den Einzelfall und sagen meist: Der muss hier bleiben, was denn sonst?