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In der Festhalle beim Vortrag „Narrenidee und Fastnachtsbrauch – zur Kulturgeschichte der tollen Tage“: Werner Mezger, Professor für Europäische Ethnologie Universität Freiburg (Mitte mit weißen Hemd), und Vertreter regionaler Fastnachtszünfte.   Tilo Keller
In der Festhalle beim Vortrag „Narrenidee und Fastnachtsbrauch – zur Kulturgeschichte der tollen Tage“: Werner Mezger, Professor für Europäische Ethnologie Universität Freiburg (Mitte mit weißen Hemd), und Vertreter regionaler Fastnachtszünfte. Tilo Keller
22.11.2015

Professor erklärte in Kieselbronn, warum in der Fasnet der Teufel los ist

Bunte Kostüme, Narrenkappen, Schellen, Masken und schräge Töne: So kennt man die fünfte Jahreszeit auch in der Region. Es gibt einige Fasnetsvereine, die sich mit viel Einsatz in den ausgelassenen Trubel stürzen – ob auf den Bühnen oder auf den Straßen.

In der Kieselbronner Festhalle lauschten einige Fasnetsaktive verblüfft, wie der aus dem Fernsehen bekannte Brauchtumsexperte Professor Werner Mezger zeigte, was hinter Masken und Häs tatsächlich an Bedeutung steckt. „Wir sind ganz schön wichtige Kulturgutträger“, freuten sich Roland Frei und Hartmut Seifried von den Kieselbronner Gugge Gaiße. „Wir stehen für Dinge, deren Wurzeln ich gar nicht gekannt habe“, so Seifried.

Das war die eine Interpretation von Mezgers Vortrag. Die andere wäre, dass in der Fasnet nicht nur atmosphärisch der Teufel los ist.

Mezger zeigte in vielen Bildern, wie sich der Narr mit Maske, Kappe und Narrenzepter seit dem Mittelalter als Figur herauskristallisiert hat, die gegen alles stand, was die Kirche als christliche Tugenden betonte. Und wie er damit seine Rolle in einer Art Welttheater spielte, das mit vielen Bräuchen von den tollen Tagen, der Fastenzeit, der Karwoche bis Ostern das Ringen zwischen Laster und Tugend nachempfand, zwischen selbstverliebter Völlerei und diszipliniertem Leben im Zeichen der Nächstenliebe, zwischen Ausschweifungen und Frömmigkeit bis zum Sieg über Tod und Teufel in der Auferstehung Christi. Nicht umsonst sei die Fasnet eine Ausschweifung, deren Ende immer mit zum Spektakel gehört. Fasnetsverbrennungen werden auch in der Region zwischen Kämpfelbachtal und Biet zelebriert.

Und was sagen die heutigen Narren dazu, dass sie den Bräuchen nach in ihrer Rolle ziemliches Teufelszeug treiben? „Einiges von den Traditionen habe ich schon mitbekommen“, sagt Veronika Joos von der Belrem-Gilde, „ich mische ja schon seit 37 Jahren in der Fasnet mit.“ Und am schmotzigen Donnerstag wird sie wieder mit großer Lust auf Krawattenjagd gehen. Etliche der Beispiele Professor Mezgers, von denen viele mit Häs und Masken aus der schwäbisch-alemannischen Fasnet stammen, kennen die Fasneter aus der Region.. Roland Frei zum Beispiel, langjähriges Mitglied der Ersinger Fledermaus und Vorstand der Gugge Gaiße sieht viele Traditionsmasken bei närrischen Abstechern bis in die Schweiz und ins Elsaß. Und mit Klaus Müller, einer „Stiegele Chatz“ aus Ühlingen, der früheren Wirkungsstätte von Kieselbronns Bürgermeister Heiko Faber, war ein Vertreter einer Fasnets-Hochburg aus dem Südschwarzwald in der Festhalle. Mezger ist ein Forscher, der den Lebensalltag nicht aus den Augen verliert. Der zum Beispiel auch erklärt, wie Fasnetsküchle quasi erfunden wurden, um die Küche von Zutaten zu erleichtern, die in der Fastenzeit verboten waren. Einen wie den Remchinger Nikolaus Weber überrascht das nicht. Er kennt Mezger aus Studientagen und hat den Kieselbronnern den Kontakt vermittelt. Dass Mezger mit einem Blick über Fastnacht in anderen Ländern erklärte, dass Europa mehr sei als der Euro und abstrakte Politik. Ein Gedanke, der Bürgermeister Faber besonders beeindruckte.