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Ob nur ein Streit mit dem Chef über unentschuldigtes Fernbleiben hinter der Kündigung stand oder ein – möglicherweise schon paranoider – Verdacht, der Lehrherr oder der Juniorchef wolle ihn vergiften, wird im Zentrum des psychiatrischen Gutachtens stehen, das entscheidend für den Prozess und ein Urteil sein dürfte. Symbolbild: AA+W - stock.adobe.com 

Psychiatrie oder Gefängnis? Prozess nach Messerangriff mitten in Calw

Tübingen/Calw. Die Geschichte trug sich vergangenen März im historischen Herzen der Calwer Altstadt zu. Vor dem Tübinger Schwurgericht steht wegen versuchten Totschlags ein afghanischer Flüchtling. Seine abendliche Messerattacke an der Nikolausbrücke galt einem syrischen Flüchtling. Aber schon der Ankläger machte am ersten Prozesstag klar, dass der Beschuldigte nicht ins Gefängnis soll, sondern in die geschlossene Psychiatrie. Als Corona-Infizierten soll der 22-Jährige bei dem Angriff seinen syrischen Schicksalsgefährten aus dem Fluchtjahr 2015 geschmäht haben. Auch von einer vor Jahren heimlich und hinterrücks verabreichten Ecstasy-Pille war laut Ermittlern schon bei einem Streit eine Woche vor dem Angriff die Rede, oder auch nur von angeblich schlechtem an ihn verkauften Marihuana.

Jedenfalls stellte der Beschuldigte seinen Bekannten am jenem Abend vor dessen Wohnung, nachdem ihn ein Pärchen dort mit dem Auto abgesetzt hatte. Ein Überwachungsfilm zeigt ziemlich klar, wie der Angreifer dann nach kurzem Wortwechsel ein Messer zückt und in wildem Schwung an dessen Kehle entlangzieht. Weil der Attackierte zurückwich, muss das Messer einen zwar langen, aber nur oberflächlich blutenden Schnitt an der Kehle verursacht haben.

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Der Verletzte floh vor seinem Angreifer einmal ums Karree – über die Marktbrücke, dann die Nikolausbrücke zurück – und verlor dabei offenbar Handy und Schlüsselbund, die der Angreifer an sich nahm. Der Ladenbesitzer, dessen Überwachungskamera das Geschehen von innen festhielt, öffnete dem Angegriffenen die Ladentür, schloss sie hinter ihm wieder ab und ließ ihn die Polizei alarmieren, die auch sehr schnell vor Ort war.

Paranoide Vorstellungen?

Den Messerschwinger sieht man danach noch gegen das Schaufenster des Handyladens trommeln. Er muss dann aber seinerseits so schnell geflohen sein, dass die Beamten ihn nicht mehr am Tatort zu fassen bekamen. Erst später nahmen sie ihn in seiner Wohnung fest. Die beiden späteren Kontrahenten hatten nach der Flucht beide eine fast bilderbuchhafte Integrationsgeschichte hinter sich, von ein paar aktenkundigen Drogengeschichten abgesehen. Der syrische Flüchtling schloss eine Friseurlehre ab und beeindruckte als Zeuge auch mit seinem perfekten Deutsch.

Der Beschuldigte hingegen, als noch Minderjähriger vom Iran aus über die Türkei, Griechenland und Österreich nach Deutschland aufgebrochen, brach wenige Wochen vor den Abschlussprüfungen seine Ausbildung zum Bäcker ab. Ob nur ein Streit mit dem Chef über unentschuldigtes Fernbleiben hinter der Kündigung stand oder ein – möglicherweise schon paranoider – Verdacht, der Lehrherr oder der Juniorchef wolle ihn vergiften, wird im Zentrum des psychiatrischen Gutachtens stehen, das entscheidend für den Prozess und ein Urteil sein dürfte.