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Schafft Arbeit:  Die neue Autobahnanschluss-Stelle Campegine soll für weiteren wirtschaftlichen Aufschwung sorgen.
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Handarbeit:  Beim Modekonzern Mariella Burani entsteht „bezahlbarer Luxus“.
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Entwicklungsarbeit:  Landirenzo ist Weltmarktführer für Einspritzsysteme alternativer Kraftstoffe.
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25.04.2008

Reggio Emilia: Die etwas andere Lektion in Sachen Italien

Hand aufs Herz: Was fällt Ihnen ganz spontan ein, wenn Sie an Italien denken? Urlaub, Sonne – Dolce Vita, das süße Leben eben. Die Italiener sind Weltmeister im Fußball, dafür hält aber eine Staatsregierung im Durchschnitt nicht einmal ein ganzes Jahr.

So tappt man als Deutscher – zumal konditioniert im Musterländle Baden-Württemberg – mit schöner Regelmäßigkeit in die Überheblichkeitsfalle, wenn man in Reggio Emilia unterwegs ist: Weil sich hier allenthalben vollzieht, was man „den Italienern“ nie und nimmer zugetraut hätte.

Reggio Emilia, die norditalienische Partnerregion des Enzkreises, die sich auf 2200 Quadratkilometern im Herzen der Emilia Romagna vom Apennin bis zum Po erstreckt, bietet 500 000 Menschen Heimat. Eine Heimat, die praktisch keine Probleme mit Arbeitslosigkeit kennt: Die Arbeitslosenquote liegt derzeit bei 2,6 Prozent – Spitzenwert in Italien mit einer durchschnittlichen Arbeitslosigkeit von sieben Prozent.

Dazuhin wird in Reggio Emilia auch noch gutes Geld verdient: Das Durchschnittseinkommen je Einwohner liegt bei fast 26 000 Euro im Jahr. Ein Wert, der rund 20 Prozent über dem des Enzkreises liegt, wie Landrat Karl Röckinger erfuhr, als er jetzt mit einer Delegation aus Vertretern der Fachhochschule Pforzheim und der Industrie- und Handelskammer Nordschwarzwald in Reggio Emilia unterwegs war, um Möglichkeiten der weiteren Zusammenarbeit zu erörtern.

Zwar ist der Dienstleistungssektor mit 51,9 Prozent größter Arbeitgeber in Reggio Emilia, das Geld verdient wird allerdings in der Industrie (33,8 Prozent) und am Bau (10 Prozent). In der Landwirtschaft sind nur noch 4,3 Prozent der Beschäftigten tätig, geht aus einer Statistik der Industrie- und Handelskammer hervor. Dabei gibt es insbesondere im Bausektor viele Klein- und Kleinstbetriebe, die aber augenscheinlich alle Hände voll zu tun haben: Ist man in Reggio Emilia unterwegs, wähnt man sich auf einer einzigen großen Baustelle, überall wachsen Gebäude aus dem Boden, werden Kreisel – abgeschaut im Enzkreis – errichtet oder Straßen ausgebaut.

Auf den Export ausgerichtet

In den Unternehmen von Reggio Emilia wird in der Hauptsache für den Export gearbeitet: landwirtschaftliche Maschinen zum Beispiel, Keramik, Mode oder auch landwirtschaftliche Produkte gehen in die ganze Welt. 2007 wurden Waren im Wert von fast 8,1 Milliarden Euro exportiert, knapp eine Milliarde Euro waren Produkte wert, die nach Deutschland eingeführt wurden. Um den Bedarf an Arbeitskräften decken zu können, ist Zuwanderung sogar gewollt. Lebten 2000 noch knapp 20 000 Nicht-EU-Bürger im italienischen Landkreis, sind es heute bereits fast 50 000. Die gilt es zu integrieren: „Arme zu Gehirnen“, gibt der Präsident der Industrie- und Handelskammer, Aldo Ferrari, als Marschrichtung aus.

Zu den am Weltmarkt erfolgreichen Unternehmen gehört beispielsweise Landirenzo, führend bei der Herstellung von Einspritzsystemen von alternativen Treibstoffen wie Erdgas oder Autogas. Die Ingenieure tüfteln im Stammwerk in Reggio individuelle Lösungen für jeden Fahrzeugtyp aus. In einer Kooperation mit General Motors wird intensiv an der Nutzung der Brennstoffzelle im Individualverkehr geforscht. Eine ganze andere Zielgruppe hat wiederum der Modekonzern Mariella Burani im Auge. „Erschwinglichen Luxus“ zu konzipieren, hat man sich zum Ziel gesetzt und erweitert den Begriff in Richtung Lifestyle. Längst endet die Angebotspalette nicht mehr bei Bekleidung, Mariella Burani vereint unter dem Konzerndach längst auch Hersteller von allen nur denkbaren Accessoires, von Düften – aber auch von Eis oder Kaffee, denn hier funktioniert der Imagetransfer.

Bei Ferrarini wiederum hat man sich auf die Herstellung hochwertiger Lebensmittel spezialisiert. Gekochter und Parmaschinken erfüllen höchste Ansprüche, im Lager der Käserei reifen Zehntausende Leiber Parmigianino Reggiano. Jeder Einzelne muss vor den gestrengen Augen der Prüfer des zuständigen Consortio bestehen, bevor er in den Handel kommt – zum Beispiel in die Regale des deutschen Lebensmitteldiscounters Aldi.