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Der Inhalt der Ermittlungsakten  im Prozess gegen Harry Wörz ist für das Landgericht Mannheim immer wieder Grund für Kritik an der Arbeit der Polizei.
Der Inhalt der Ermittlungsakten im Prozess gegen Harry Wörz ist für das Landgericht Mannheim immer wieder Grund für Kritik an der Arbeit der Polizei. © PZ-Archiv
03.07.2009

Richter im Wörz-Prozess sehen Polizei-Arbeit im Zwielicht

BIRKENFELD/MANNHEIM. Das Mannheimer Landgericht macht aus seiner Einschätzung kein Hehl mehr: Die Pforzheimer Polizei hat Harry Wörz in ihren Ermittlungen vor zwölf Jahren benachteiligt, sind die Richter überzeugt.

Der Polizist Thomas H. habe „eher ein Motiv gehabt, nachts noch zu seiner Kollegin Andrea Z. aufzubrechen“ als der Angeklagte Harry Wörz, sagten die Richter am Freitag, als sie den Hauptermittler der Pforzheimer Polizei erneut befragten. Rolf Glenz, Vorsitzender Richter der Strafkammer des Mannheimer Landgerichts, kritisierte wie schon bei der ersten Zeugenrunde mit dem führenden Ermittler, wie die Kripo Spuren bewertet hat.

„Sie haben schon zu einem frühen Zeitpunkt entschieden, dass Thomas H. nicht als Täter in Frage kommt“, sagte Glenz. Der Polizist habe jedoch am 28. April 1997 abends gleich zweimal versucht, seine Familie in Pfinztal zu verlassen, um nach Birkenfeld zu seiner Kollegin zu fahren, in die er sich verliebt hatte, so Glenz: „Um 20.30 Uhr und noch einmal um 23 Uhr, als er sogar schon zum Schlüssel griff.“ Um 2.30 Uhr versuchte dann ein männlicher Täter, Andrea Z. zu erdrosseln. „Warum sollte sich denn Harry Wörz um 2 Uhr zu seiner früheren Frau aufmachen?“, fragte Glenz den damals führenden Kripo-Ermittler.

Im Klartext: Wörz mochte sich zwar mit seiner Ex-Frau gestritten haben, weil er den gemeinsamen Sohn länger bei sich haben wollte, hatte aber aus der Sicht des Gerichts kein Motiv, ausgerechnet nach Mitternacht mit ihr darüber zu verhandeln. Die Polizei aber habe Thomas H. gleich nach der Tat freigelassen und Wörz inhaftiert.

Der angeklagte Bauzeichner aus Gräfenhausen, 1998 zu elf Jahren Gefängnis verurteilt, beteuert seither seine Unschuld. Der 48-jährige Hauptermittler der Polizei räumte ein, „aus heutiger Sicht seien seine Bewertungen kritikwürdig. Es besteht der Anschein, wir hätten uns auf Wörz eingeschossen.“ Er habe aber „neutral die Spuren bewertet“.

Das sah das Landgericht am Freitag indes anders. Wörz habe kein Täterwissen offenbart, als er in Vernehmungen ein Geschrei in der Tatwohnung vermutete. Die Beamten hätten ihm bereits vorher von „einer Eskalation“ berichtet. „Aber gibt es denn eine lautlose Eskalation?“, so Glenz. Wörz habe sich auch erkundigt, wie es seiner früheren Frau gehe. „Ist es fair, wenn ihm die Polizei die Antwort verweigert, ihm später daraus aber einen Vorwurf macht? Hat ein Beschuldigter im Stundentakt nachzufragen?“, ging Glenz aus sich heraus. „Ich wundere mich, dass Sie diese Art der Vernehmung auch noch dokumentieren.“

Wörz habe auch keine Angst gehabt, dass seine Ex-Frau aus dem Koma erwacht und ihn der Tat bezichtigen könnte, so Glenz. „Wenn Andrea aufwacht, hätte ich schon lange meine Ruhe“, habe Wörz in einer Vernehmung erklärt.

Dagegen habe es die Polizei unterlassen, Widersprüchen bei den Angaben des Polizeikollegen Thomas H. auf den Grund zu gehen. „Bei ihm gab es mehrmals impulsive Gewalt, als er sich mit seiner Frau über die Fortsetzung der Ehe stritt“, so Glenz.

Das Landgericht wolle „nicht die Pforzheimer Polizei vorführen“, hatte Glenz dem Ermittler versichert. Aber: Der Funk der Pforzheimer Polizei sei ausführlich in Schriftform gebracht worden, nicht aber der Funk in Karlsruhe. Die Kripo habe auch nicht versucht herauszufinden, ob einer der zahlreichen Polizisten, die in Pfinztal das Anwesen des tatverdächtigen Kollegen beobachteten, das gemacht hat, was ein „Beamter instinktiv macht“, so Glenz: „Ein Händchen auf die Motorhaube legen“ – um zu prüfen, ob ein Fahrzeug gerade erst abgestellt worden ist. „Und wie sollte das Landgericht Karlsruhe im ersten Prozess gegen Wörz Spuren bewerten, wenn die Polizei Informationen schon selektiert hat“, sagte Glenz.

Der Polizeiermittler sagte, aus „wirtschaftlichen Gründen“ könne die Polizei nicht alles unter die Lupe nehmen. Richterin Beck hielt ihm freilich vor, wichtige Informationen habe die Kripo doch nur von der Spurenakte in die Hauptakte, die jedes Gericht erhalte, legen müssen.

Der Prozess wird am Dienstag, 7. Juli, im Landgericht Mannheim fortgesetzt.