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Den Aktenberg im Prozess gegen Harry Wörz haben die Strafrichter gut durchgearbeitet.
Den Aktenberg im Prozess gegen Harry Wörz haben die Strafrichter gut durchgearbeitet. © Seibel, Archiv
01.05.2009

Richter lassen im Wörz-Prozess nicht so schnell locker

Die Richter der 3. Strafkammer des Landgerichts Mannheim haben im neuen Wörz-Prozess an jedem der bisherigen drei Verhandlungstage die Verteidiger, die Anklagevertreter, aber auch die ersten Zeugen immer wieder sichtlich ins Staunen gebracht. Die Parteien in dem schwierigen und umstrittenen Kriminalfall erleben ein Richtertrio, das den Aktenberg akribisch durchgearbeitet hat.

„Das Strafgericht ist sehr gut vorbereitet“, sagt Hubert Gorka, der langjährige Wörz-Verteidiger. Tatsächlich versteht es der Vorsitzende Richter Rolf Glenz, präzise Fragen zu stellen. Und er lässt nicht locker, bis er eine genaue Antwort erhält. Wie Gorka lobt auch der Pforzheimer Rechtsanwalt Michael Schilpp, der als Nebenkläger die Familie des Opfers vertritt, die Genauigkeit des Gerichts.

Auf Details geachtet

Der Birkenfelder Harry Wörz, der seit zwölf Jahren sagt, er sei nicht der Täter, der 1997 die Polizistin Andrea Z. töten wollte, hat als erster erfahren, dass die Richter auf die Details achten und immer wieder nachhaken. Sagte der angeklagte Bauzeichner, er habe eine Jogginghose lose übers Bad gelegt und nicht versucht, vermeintliche Spuren auszuwaschen, so verwies Richter Glenz mehrmals auf zwölf Jahre alte Ermittlungsprotokolle, die einen anderen Schluss zulassen. Die Kriminaltechniker ließen, nachdem Wörz in Gräfenhausen festgenommen worden war, die Hose in seiner Wohnung noch einen Tag liegen, weil sie tropfnass über der Armatur hing und eine Untersuchung erst später möglich war, las Glenz vor.

„Alles war entspannt“

Staunen musste auch der Vater des Opfers, wie hartnäckig die Richter nachzubohren wissen. Wolfgang Z. machte keinen Hehl daraus, dass ihm die Beziehung seiner Tochter zu Wörz nie gefiel. Nachdem sich seine Tochter von dem Bauzeichner getrennt hatte, verliebte sie sich in einen Polizeikollegen, den Wolfgang Z., damals Springer im Lagezentrum der Polizei, schon als künftigen Schwiegersohn sah. Dass jedoch nicht „alles so entspannt“ war, wie Wolfgang Z. sagte, zeigten schon die ersten Fragen des Gerichts. Andreas Liebhaber war noch verheiratet, mit einer Frau, die sich handfest mit Andrea Z. um den Mann stritt, die eine Türe eintrat, einen Schrank demolierte, „impulsiv war und zu Überreaktionen neigte“, sagte Wolfgang Z.

Ihr traute er den Angriff auf seine Tochter zu, die mit einem Schal fast erdrosselt worden ist. Er hielt es aber auch für möglich, dass Wörz oder der Liebhaber seiner Tochter die Tat begangen haben. Andrea habe sich mit ihrem ehemaligen Ehemann immer mehr gestritten.

Sie habe das alleinige Sorgerecht für das gemeinsame Kind angestrebt. „Ich hielt es damals für besser, dass sie das beide zusammen machen“, sagte Wolfgang Z. Harry Wörz habe seinen Sohn, der 1997 zwei Jahre alt war, geliebt.

Ins Staunen kam auch der Leiter der Ermittlungsgruppe. Aber nicht, weil ihn erstmals ein Gericht zu dem Fall befragte. Wer konnte nach der Tat den Müll aus einem Eimer in der Küche in die Tonne vor dem Haus bringen, obwohl doch die Polizei im Glauben war, alle Schlüssel für das Haus zu besitzen, in dem Andrea Z. fast getötet worden wäre? Die Frage schien den Beamten richtig zu überraschen. Aufklären konnte er den Widerspruch nicht. Ralf Steinert