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Kamen noch nicht richtig zum Zug: der Pforzheimer Rechtsanwalt Michael Schilpp (links), der als Nebenkläger die Familie des Opfers vertritt, und Staatsanwalt Philipp Zinkgräf.
Kamen noch nicht richtig zum Zug: der Pforzheimer Rechtsanwalt Michael Schilpp (links), der als Nebenkläger die Familie des Opfers vertritt, und Staatsanwalt Philipp Zinkgräf. © Ketterl
19.05.2009

Richter spielen im Wörz-Prozess die Hauptrolle

Das Landgericht Mannheim hat in den ersten vier Wochen des Wörz-Prozesses keinen Stein auf dem anderen gelassen und mit groß angelegten Befragungen der Zeugen den anderen Verfahrensparteien wenig Spielraum gelassen.

Der Vorsitzende Richter Rolf Glenz und seine Kollegin Beck hakten zum Beispiel lange nach, als ihnen Angaben des angeklagten Bauzeichners Harry Wörz aus Birkenfeld widersprüchlich erschienen. Die Strafkammer nahm aber auch den einstigen Liebhaber der Polizistin Andrea Z. stundenlang in die Zange – einen Polizeibeamten, den die Ermittler vor zwölf Jahren neben Wörz als Tatverdächtigen festgenommen hatten. Thomas H. kam damals frei, Wörz wurde zu elf Jahren Gefängnis verurteilt.

Hartnäckige Richter

Staatsanwalt, Nebenkläger und Verteidiger spielen im nunmehr dritten Strafverfahren gegen Harry Wörz bislang eine Nebenrolle. Fast alle Fragen, die seit der versuchten Tötung der Polizistin am 29. April 1997 umstritten und aufklärungswürdig sind, stellen die Richter. Das Gericht hake alles ab, da müsse er nicht groß in Aktion treten, sagt der Pforzheimer Rechtsanwalt Michael Schilpp, der die Familie des Opfers Andrea Z. vertritt.

Dass sein erster Beweisantrag in dieser Neuauflage des Wiederaufnahmeverfahrens nahezu unterging, konnte Schilpp indes auch nicht recht sein. Er hatte gefordert, das Landeskriminalamt in Stuttgart mit einer umfangreichen DNA-Untersuchung zu beauftragen. Mehrere Stoffe im Schlafzimmer, in dem der Täter begann, Andrea Z. zuerst zu würgen und dann mit einem Schal fast zu erdrosseln, seien bisher „nur in kleinen Flächen untersucht worden“, sagte Schilpp. Das LKA solle ein Kopfkissen, ein Kissen, einen Bett- sowie einen Matratzenüberzug vollflächig auf genetische Spuren prüfen. Dann werde man DNA-Spuren des Angeklagten finden, so Schilpp. Das Strafgericht hat noch nicht entschieden, ob es diese Untersuchung anordnet. Bereits im Verfahren 2005 hatte Schilpp mehrere Anträge gestellt, die DNA-Prüfungen auszuweiten, war aber damals gescheitert.

Sachlichkeit ist Trumpf

Die Mannheimer Richter lassen allerdings auch dem Wörz-Verteidiger Hubert Gorka wenige Gelegenheiten, seine Sichtweise darzustellen. Wenn Gorka nicht gleich zum Punkt kommt, hebt Glenz schon den Finger, und dann dauert es meist nicht mehr lang, bis er den Karlsruher Anwalt barsch anfährt: „Was wollen Sie denn nun fragen?“ Die bisweilen charmanten Auftritte des zweiten Verteidigers Ralf Neuhaus scheint die Kammer eher als Auflockerung eines manchmal drögen Gerichtstages zu tolerieren. Glenz und Beck kehrten aber stets zu ihrer nüchternen, zielgerichteten Befragung zurück.

Da mutet es fast seltsam an, dass Wörz, seine zwei Verteidiger und die beiden Ankläger fünf tragbare Computer in den Saal schleppen, allesamt jedoch nicht so aktenfest aufzutreten vermögen wie die Richter. Von mehreren Wörz-Freunden aus Birkenfeld versuchte das Gericht gestern genau zu erfahren, „was für ein Wesen der Angeklagte hat“, so Glenz. War er aufbrausend? Streitlustig, wenn er Alkohol getrunken hatte?

Bild eines hilfsbereiten Mannes

Die Bekannten schilderten ihn als freundlichen und hilfsbereiten Menschen. Sie hatten aber auch gute Beziehungen zu Andrea Z. aus der gemeinsamen Zeit im Motorradclub Gräfenhausen. Die frühere Ehefrau von Wörz habe Anfang der 90er-Jahre Haschisch- und Marihuana-Zigaretten geraucht, erklärten Bekannte. Es gab jedoch keine Anzeichen, dass sie 1994, als sie schwanger wurde, oder später den gelegentlichen Drogenkonsum fortsetzte. Eine Freundin sah bei ihr einmal Zigarettenschachteln, die mit einem Kreuz markiert waren und Drogen enthielten. In einer Plastiktüte, die am Tatort gefunden wurde, fand die Polizei eben so ein Zigarettenpäckchen. Die Ermittler ordneten damals Marlboroschachteln und Drogentütchen Harry Wörz zu, der die Plastiktüte am Tatort liegengelassen hätte.

Das Gericht macht nun eine Pause bis Mitte Juni. Ralf Steinert