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Am Lärchenstein erklärte Heimatforscher Jirí Hönes (vorne) den PZ-Lesern: „Der Hagenschieß war immer schon ein Experimentierfeld der Forstwirtschaft.“ Foto: Meyer
Morsch und hohl: Die Spieleiche (rechts). Rund 300 Jahre alt ist der Baum, auf den die 600 Jahre alte Sage einst symbolisch übertragen wurde. Foto: Meyer
Der Kiessling-Stein erinnert an den ersten nicht-adligen Forstmeister. Foto: Meyer
04.08.2017

Schau mal, wo du lebst: Zwischen Dichtung und Wahrheit im Hagenschieß

Pforzheim/Enzkreis. Jiří Hönes nimmt für „Schau mal, wo du lebst“ knapp 30 PZ-Leser mit auf eine sagenhafte Wanderung. Der Hagenschieß steckt voller Geschichten – glauben darf man aber nicht alle.

Eine heldenhafte Hundertschaft wackerer PZ-Leser durchmaß gestern strammen Schrittes den Hagenschieß und brachte mit bloßen Händen einen stolzen 18-Ender-Hirsch zur Strecke, ehe sie sich am kühlen Trunke labte.

So oder so ähnlich hätte wohl die Überlieferung der gestrigen „Schau mal, wo du lebst“-Aktion aus der Feder des Dichters Eduard Brauer geklungen.

In Wahrheit wanderten gestern knapp 30 PZ-Leser zusammen mit dem Mönsheimer Heimat-Geschichtsforscher Jiří Hönes durch den „Sagenhaften Hagenschieß“ und erlegten auch keinen Hirsch, sondern waren lediglich am Hirschstein, wo 1765 der Markgraf den letzen 18-Ender des Waldes erlegt haben soll. Außerdem labten sich nach der zweieinhalbstündigen Wanderung zur Spieleiche und zurück längst nicht alle im Seehaus-Biergarten am kühlen Trunke – einer musste ja auch diese Zeilen schreiben.

Auf höchst unterhaltsame Weise führte Hönes den Teilnehmern vor Augen, dass der Hagenschieß voller Geschichte und Geschichten steckt. „Mit der Wahrheit haben es bei der Überlieferung aber nicht alle so genau genommen“, sagt Hönes. So wie Brauer, der um 1850 nicht nur die Schönheit des Seehauses gerühmt hat, sondern in einem Gedicht auch detailliert beschrieb, wie vor 600 Jahren der Freiherr von Leutrum unter der Spieleiche mit dem Markgrafen um dessen Tochter würfelte und dabei den Hagenschieß verlor.

„Fake News“ würde man das wohl heute nennen. Oder eben Sagenballade. Schamlos wurden damals Geschichten erfunden, von denen man heute denkt, dass sie wegen konkreter Jahreszahlen und historisch verbürgten Protagonisten doch einen wahren Kern haben müssen. Mitnichten! „Nach allem was aus anderen Quellen bekannt ist, kann man davon ausgehen, dass das Ganze wohl frei erfunden ist“, sagt Hönes, der unterwegs die passenden Texte der Dichter und Chroniken rezitierte und damit mehrfach für Schmunzeln und Lachen sorgte.

Aber auch Schauplätze, die deutlich näher an der historischen Wahrheit lagen, steuerten die PZ-Leser an. So entdeckten sie neben dem Hirschstein den Kiessling-Stein, der auf das Wirken des ersten nicht-adligen Forstmeisters im Hagenschieß hinweist und den Lärchenstein – eine etwa drei Meter hohe, imposante Felsnadel abseits des Wegs – der an eine 4000 Hektar große Lärchenplantage erinnert, die hier im 18. Jahrhundert angelegt wurde.

Die PZ-Leser waren sich anschließend jedenfalls einig: „Mit diesem Wissen sieht man die altvertraute Heimat plötzlich mit ganzen neuen Augen.“