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Feinste Glasfasern leiten Daten um ein Vielfaches schneller als zum Beispiel Kupfer.  Foto: dpa 

Schnelles Internet – nah und doch so fern: In diesem Ort in der Region fühlen sich Telekom-Kunden abgehängt

Unterreichenbach-Kapfenhardt. Mit dem Glasfaserausbau sind der Kreis Calw, viele Gemeinden und der Netzbetreiber „nswnetz“ schon gut vorangekommen. Dass es trotzdem manchmal noch Geduld braucht, bis Bürger gute Internetverbindungen haben, zeigt beispielhaft ein Besuch in Kapfenhardt. Dort fühlen sich Telekom-Kunden abgehängt.

Es ist idyllisch zur Mittagszeit in Kapfenhardt. Vom Wald her weht ein kühler Wind durch die Straßen des Dorfes auf der Höhe über dem Eulenbach- und Reichenbachtal. Es herrscht fast völlige Stille. Kaum Verkehr. Die etwas über 700 Kapfenhardter sind entweder zu Hause oder bei der Arbeit. Ein einsames Postauto fährt eine Wohnstraße hinauf. Die Fahrerin verteilt Päckchen und Briefe. Wirklich Betrieb ist nur an einer Weggabelung. Ein Transporter parkt dort vor einem grauen Verteilerkasten, zwei Techniker nehmen sich die bunten Leitungen vor, die im Inneren gebündelt sind. Sie blasen Glasfaserkabel in die bereits verlegten, dünnen Rohre ein. Ein Hausanschluss nach dem anderen wird so fertig. Das schnelle Internet, auf das viele Kapfenhardter sehnsüchtig warten, ist eigentlich schon da. Mitten im Dorf. Vor der Haustür.

Hinter der Haustür ist ein Anwohner trotzdem sauer. Vom Fenster aus sieht er die beiden Techniker arbeiten. Er hat vor Augen, wie nahe die Zukunft schon ist, die er als Selbstständiger dringend braucht. Oft muss er große Datenpakete übers Internet übertragen. „Das hat bisher schon ewig gedauert – wenn die Daten überhaupt rausgegangen sind“, sagt er. Deshalb macht ihn eine ganz andere Aussicht zornig. Trotz der modernen Leitungen unten an der Straße, könnte es noch Wochen dauern, bis die neue Technik an die nahen Häuser angeschlossen werden. Dafür brauchen die Gemeinde Unterreichenbach als Bauherr, der Kreis Calw und der neue Netzbetreiber „nswnetz“ die Unterstützung der Deutschen Telekom, die das bereitgestellte Glasfasersignal für bestehende Leitungen zu den Gebäuden umwandeln muss. Doch damit lässt sich das Unternehmen viel Zeit. So sagt das jedenfalls Anja Härtel, die Sprecherin des Landkreises, der den Breitbandausbau federführend vorantreibt. Die Telekom nahm dazu am Donnerstag nicht Stellung.

Der Anwohner war Telekom-Kunde. Ein sehr zufriedener sogar. Denn vor seinem Umzug wohnte er in einer der Enzkreis-Gemeinden, wo die Telekom noch vor dem Ausbau von kommunaler Seite selbst für bessere Datenleitungen gesorgt hat. Ein Nachbar in Kapfenhardt hatte ihn schon darauf vorbereitet, dass er sich dort wieder auf Schneckentempo einstellen müsse. Doch nicht einmal das hatte der Selbstständige mehr zur Verfügung, nachdem sein alter Telekom-Vertrag weg war. Einen neuen, der ihm nur mit einer Laufzeit von zwei Jahren angeboten wurde, wollte er nicht abschließen – doch sein künftiger Netzanbieter „nswnetz“ kann derzeit ohne die Telekom den neuen Anschluss nicht schalten. Ohne Internet und Telefon stand der Mann also da. Wie andere Kapfenhardter auch. „Ein Unding“, sagt er. Mit seinen geschäftlichen Erfahrungen habe er sich einen Notbehelf einrichten und die Festnetznummer auf sein Handy umleiten lassen können. „Aber was ist mit den Älteren, die vielleicht auf einen Hausnotruf angewiesen sind?“

Im Rathaus im Hauptort Unterreichenbach kennt man den Ärger. Bürgermeister Carsten Lachenauer versteht die Ungeduld, nachdem es auch beim Leitungsbau selbst Verzögerungen gegeben habe. Nun heiße es wieder warten. Dieses Mal auf die Telekom-Umschaltung. Auf der Straße in Kapfenhardt hatte ein Mann gefrotzelt, das Unternehmen reize die möglichen Fristen samt Überziehungsmöglichkeiten voll aus. So formuliert das der Bürgermeister nicht. Die Verwaltung hat die Kapfenhardter dennoch auf August oder sogar September eingestellt, bis die Daten schneller fließen.

Das Problem mit der netz- und telefonlosen Zeit führt der Bürgermeister darauf zurück, dass die Telekom gerade jetzt Kundenverträge auf die internetgestützte IP-Technik umstellen will. Im Amtsblatt hat die Verwaltung zuletzt empfohlen, gerade in Härtefällen wie der Sorge um einen Hausnotruf oder Problemen mit Alarmanlagen oder anderen Systemen mit dem Unternehmen zu reden. Die Umstellung sei so schon für die zu überbrückenden Monate ausgesetzt worden.

Die Übergangslösung des Geschäftsmanns sieht so aus: Herzstück ist ein kleiner, weißer Plastik-Quader auf dem Fensterbrett. Über ihn hinweg schweift der Blick vom Schreibtisch zu den Nordschwarzwaldhöhen. Doch der kleine Wlan-Router, den der Kapfenhardter über seinen Handy-Anbieter anschaffen konnte, hat ihn zwar rund 50 Euro gekostet, aber er so die weite Welt am Bildschirm. Und von dem aus verfolgt er Geschäftsprojekte weit weg vom Dorf.