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Ein emotionaler Prozess am Landgericht Karlsruhe geht zu Ende. Nach dem Schuldspruch ging es für den Verurteilten zurück ins Gefängnis nach Stuttgart-Stammheim.  Foto: Uli Deck/Dpa 

„Sie sind die tragische Person“: Neuenbürger muss wegen Messer-Angriff viele Jahre in Haft

Neuenbürg. Die Emotionen kochen hoch im Landgericht Karlsruhe, als der Schuldspruch fällt: Vier Jahre und sechs Monate muss der 31-jährige Deutsche aus Neuenbürg wegen versuchten Totschlags ins Gefängnis. Als er das erfährt, bricht er in Tränen aus.

Am Ende war es für Richter Fernando Sanchez-Hermosilla eine Glaubwürdigkeitsfrage. Und diese sah er bei den Aussagen der Opfer mehr gegeben als beim Angeklagten. Für das Gericht gilt es als erwiesen, dass der 31-Jährige Anfang Juli in die Wohnung des 43-jährigen Ex-Manns seiner Frau eingedrungen ist und mit einem mitgebrachten Jagdmesser mehrere Stichversuche auf sein Opfer unternommen hatte. Weil sein Gegenüber ausgebildeter Elitesoldat war, konnte dieser die Angriffe abwehren.

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Die Schuld, dass es überhaupt zu dem tragischen Geschehen gekommen ist, gibt Richter Sanchez-Hermosilla aber jemand anderem, nämlich der Frau des Verurteilten. „Sie ist die Hauptverursacherin dieses Schlamassels“, sagt Sanchez-Hermosilla. Denn sie war unsinnigerweise davon ausgegangen, dass ihr zwölfjähriger Sohn von ihrem Ex-Mann entführt worden sei. Auf ihr Treiben hin seien die beiden zu dessen Wohnung gefahren, wo sich der Verurteilte in einer „Kurzschlussreaktion“ zum Angriff entschieden habe. „Sie sind die tragische Figur in dem Geschehen“, sagt der Richter zum Verurteilten, der bis dahin nicht vorbestraft war: „Sie hatten nicht die Absicht zu töten, haben es aber in Kauf genommen.“ In den Schilderungen folgt das Gericht Staatsanwalt Bernhard Ebinger, auch wenn es dessen geforderte siebenjährige Haftstrafe als „ein bisschen überzogen“ zurückwies.

Verteidiger Bastian Meyer forderte den Freispruch für seinen Mandanten, auch, weil das 43-jährige Opfer und dessen Frau die einzigen waren, die die Tat direkt gesehen hatten. Der Richter bestätigte zwar, dass wegen des Sorgerechtsstreits um die Kinder eine „Lagerbildung“ bestand, trotzdem sei das Gericht „in vollem Umfang davon überzeugt, dass die Opfer die Wahrheit gesagt haben.“

Lügengeschichten fliegen auf

Ganz im Gegensatz zur Frau des Angeklagten, die bei der Tat vor der Tür ebenfalls dabei war. „Sie hat gelogen, was das Zeug hält“, so der Richter. Denn sie hatte behauptet, ihr Mann sei von ihrem Ex-Mann schon an der Tür niedergeschlagen worden. Eine Version, die nicht einmal der Verurteilte selbst so schilderte. Stattdessen plädierte dieser bis zuletzt auf Notwehr, nämlich, dass er das Messer erst am Boden zur Verteidigung aus der Hosentasche gezogen habe. Das wies Richter Sanchez-Hermosilla strikt zurück: „Es kann gar keine Notwehr sein, denn der Geschädigte hat das Recht, einen Eindringling notfalls zu verprügeln. Sie haben die Täter- und Opferrolle vertauscht.“

Der 31-Jährige bleibt in Haft, momentan ist er im Gefängnis Stuttgart-Stammheim untergebracht. Dass die Verteidigung Revision gegen das Urteil einlegt, gilt als unwahrscheinlich.

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Constantin Hegel

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