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Können gemütlich  Platz nehmen: Die beiden Wörz-Verteidiger Ralf Neuhaus (links) und Hubert Gorka (rechts) sehen sich im Einklang mit der Strafkammer des Landgerichts Mannheim und verzichten weitgehend auf Fragen.
Können gemütlich Platz nehmen: Die beiden Wörz-Verteidiger Ralf Neuhaus (links) und Hubert Gorka (rechts) sehen sich im Einklang mit der Strafkammer des Landgerichts Mannheim und verzichten weitgehend auf Fragen. © Ketterl
23.07.2009

Spießrutenlauf vor den Richtern im Wörz-Prozess

Wie die Richterin Petra Beck im Wörz-Prozess auftritt, ist schon morgens zu sehen, wenn sie ins Landgericht Mannheim geht. Sie läuft kerzengerade, schnellen Schrittes, und wenn ein Wachtmeister des Gerichts ihr bei einem Botengang auf der Straße begegnet, lächelt sie und grüßt ihn freundlich.

Höflich, bisweilen auch humorvoll schwäbelnd, befragt sie in dem Strafverfahren die Zeugen. Wenn sie indes mit „Entschuldigung, das will ich jetzt schon noch ’mal genauer wissen“ anhebt, wird’s brenzlig für die Polizisten aus Pforzheim und Karlsruhe, die in dem Kriminalfall vor zwölf Jahren ermittelt haben.

Zu früh festgelegt?

Die Richterin macht vor allem bei den Pforzheimer Kripobeamten kein Hehl aus ihrer Meinung, dass die Ermittler sich zu früh auf den angeklagten Bauzeichner aus Gräfenhausen festgelegt haben und es versäumten, den Polizisten Thomas H., heute 50, unter die Lupe zu nehmen. Der Beamte hatte sich in die damals 26-jährige Streifenkollegin Andrea Z., die Ex-Frau von Wörz, verliebt und galt anfangs neben ihrem früheren Ehemann als möglicher Täter, der die junge Frau in Birkenfeld nach einem heftigen Streit zu erdrosseln versuchte.

Beamte machen sich klein

Zwar sagt der Vorsitzende Richter Rolf Glenz einmal, das Gericht wolle „die Pforzheimer Ermittler nicht vorführen“. Aber Glenz und Beck nehmen dann doch immer wieder die Kommissare der Kripo böse in die Zange. Den Polizisten wird’s fast schwindlig, so schnell springen die Richter von mangelhafter Tatortarbeit zu Widersprüchen in Vernehmungen. Doch warum machen sich die Kommissare so klein? Die Chefs der Pforzheimer Polizeidirektion haben schon 2005, nachdem das Landgericht Mannheim Wörz aus Mangel an Beweisen freigesprochen hatte, öffentlich Fehler und Versäumnisse eingeräumt. Unverhohlen lässt heute ein Pforzheimer Polizist nach dem anderen im Gerichtssaal durchblicken, dass der ehemalige Chef der Kriminaltechnik geschlampt hat. Die Kripo erklärte vor vier Jahren allerdings auch, trotz aller Pannen seien aus ihrer Sicht Untersuchungsergebnisse erreicht worden, die Harry Wörz belasten würden.

Es wäre also dem damaligen Leiter der Ermittlungsgruppe gut zu Gesicht gestanden, hätte er, der in Mannheim als einer der ersten an die Reihe kam, als Vertreter der Kripo die Pannen des obersten Spurensicherers gleich benannt. Mit einem klaren Bekenntnis wäre seinen Ermittlern das Spießrutenlaufen vor der Kammer erspart geblieben. Auf sich allein gestellt, musste indes fast jeder Ermittler versuchen, heil aus der Befragung herauszukommen. Die beiden Wörz-Verteidiger Ralf Neuhaus und Hubert Gorka konnten sich den Luxus erlauben, auf eigene Fragen an die Beamten weitgehend zu verzichten.

Die Strafkammer weiß bisher die Akzente alleine zu setzen. Richter Glenz und seine Kollegin Beck drehen nämlich den kleinsten Stein um – auch bei Harry Wörz. Sie nehmen widersprüchliche Angaben nicht hin. Da bleibt freilich weder Staatsanwalt Philipp Zinkgräf noch Nebenkläger Michael Schilpp aus Pforzheim Raum zu glänzen.

Aus dem Blick sind zuletzt die Karlsruher Polizisten geraten, die unmittelbar nach der Tat stundenlang vor dem Haus des tatverdächtigen Kollegen Thomas H. in Pfinztal standen. Zunächst stürzten sich Glenz und Beck voller Elan auf die Karlsruher Einsatzkräfte, von denen einige noch nie in den vier Prozessen seit 1998 gegen Harry Wörz ausgesagt hatten. Doch zunehmend erlahmte das Interesse der Kammer, so wirr und widersprüchlich traten die Karlsruher Beamten auf.

Heilloses Durcheinander

Einer behauptete gar steif und fest, die Ehefrau von Thomas H. wäre („im Nachthemdchen“) mit ihrem Mann aus dem Schlafzimmer gekommen, als die Polizei morgens gegen 7.30 Uhr den Kollegen festnahm. Das aber konnte nicht sein. Nachweislich war Daniela H. da schon mit ihrem Auto zur Arbeit gefahren. „Davon ist die Kammer überzeugt“, sagte Glenz – und der Zeuge aus der Fächerstadt verstand die Welt nicht mehr.

Nicht viel besser verlief die Befragung eines Karlsruher Kripomannes, der angab, er habe nachts zwischen 4 Uhr und 5 Uhr auf eigene Faust das Fahrzeug des Tatverdächtigen geprüft. Der Motorraum wäre kalt, die Haube trotz des kalten Wetters jedoch trocken gewesen. Nach den Dienstaufzeichnungen konnte der Beamte jedoch erst ab etwa 6 Uhr dagewesen sein.

Und was das Gericht kaum glauben mochte: Die Karlsruher Polizisten haben vor zwölf Jahren fast keine Berichte geschrieben. Wie ihr Einsatz ablief, verliert sich denn auch in einem heillosen Durcheinander. Ralf Steinert