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Zukunftsziele für einen „enkeltauglichen“ Umgang mit Menschen und ihrer Umwelt: Edith Marqués Berger, Leiterin der Stabstelle Klimaschutz und Kreisentwicklung, und Jannis Hoek, Koordinator der Agenda 2030, wollen eine langfristige Entwicklung anstoßen und die Bürger einbeziehen. Aus der Beteiligungsplattform, die bis Sonntag noch offen ist, nehmen sie über 230 Ideen für ihre Arbeit mit.  Foto: Meyer 

Starkes Echo auf das Sammeln von Zukunftsideen auf Beteiligungsplattform: So sehen die Bürger den Enzkreis von morgen

Enzkreis. „Wirtschaftlicher Fortschritt im Einklang mit sozialer Gerechtigkeit und im Rahmen der ökologischen Grenzen der Erde“ – fragt man Klimaschutzbeauftrage Edith Marqués Berger und den Agenda-2030-Koordinator Jannis Hoek nach ihrer Vorstellung einer Nachhaltigkeitsstrategie, beschreiben sie das so. Der Kreistag hat sich zu dieser Strategie 2018 mit einem Leitbild bekannt, das 17 Ziele nachhaltiger Entwicklung auf den Enzkreis herunterbricht. Allein die Tatsache, dass Marqués Berger Chefin einer Stabstelle Klimaschutz ist, der man auch die Entwicklung des Enzkreises zuordnet, ist ein Signal.

„Es macht Spaß, Themen so komplex zu denken“, sagt Hoek.

Das hat nun auch die Beteiligungsplattform gezeigt, mit der noch bis Sonntag Ideen der Bürger zum Enzkreis der Zukunft eingesammelt werden. Das Mitmachen ist Marqués Berger ganz wichtig: „Die Herausforderungen vom Klimaschutz bis zum Kampf gegen Armut lassen sich nur gemeinsam lösen“, sagt sie. Und offenkundig hatten viele im Enzkreis ebenfalls Spaß am Nachdenken. Obwohl es um alles andere als einfache Klicks ging, sind über die Plattform über 230 Vorschläge eingegangen. Ideen, die sehr nahe am Alltag sind. Das freut Marqués Berger und Hoek. Nun wollen sie die Anregungen in eine Strategie einarbeiten, die ähnlich wie beim Klimaschutzpreis EEA auf langfristige Veränderungen setzt. Die 17 Ziele sollen künftig auch bei Kreistagsbeschlüssen sichtbar sein. Eine Art Ampel könnte zudem jedem einfach zeigen, wie weit der Kreis bei welchem Ziel ist.

Gespannt waren die Initiatoren, wie sich die Corona-Krise auf das Echo der Teilnehmer auswirkt. Ideen zur Gesundheitsversorgung haben es trotz des Virus nur auf Platz fünf der Rangliste geschafft. Ganz oben steht doch der Klimaschutz – allerdings auch, weil Verkehrsthemen dort mitaufgenommen sind.

„Mobilität ist das dickste Brett, das wir zu bohren haben“, ist die oberste Klimaschützerin überzeugt.

Corona habe aber auch gelehrt, dass weniger manchmal mehr ist, so Marqués Berger. Keine schlechte Botschaft, findet sie.

Das sind die Ideen der Bürger im Überblick:

Einsatz für die Blütenpracht: Insekten verschwinden und mit ihnen die Vögel: Enzkreisbürgern ist der Einsatz dagegen wichtig. Jedenfalls drehen sich gleich mehrere Zukunftsideen um den Einsatz für Blütenvielfalt zugunsten der Insekten. Ein rotes Tuch für einige Teilnehmer ist die Mode von Steingärten. Blumenpracht versucht auch der Verein „miteinanderleben“ zu bewahren – durch Saatgut heimischer Wiesen.

Mobil mit jedem Verkehrsmittel: Alternativen zum heutigen Verkehr treiben viele um. Etliche Vorschläge drehen sich ums Vorwärtskommen. Am liebsten mit allen möglichen Verkehrsmitteln. Routenplaner werden genannt, die Radstrecken mit dem Umsteigen in Bus, Bahn oder in ein Car-Sharing-Auto verknüpfen; mehr Elektromobilität, insbesondere bei Bussen; Ausbau des Nahverkehrs; kostenloser ÖPNV für Schüler.

Kliniken mit Luft zum Atmen: Corona hat die Bedeutung der Gesundheitsversorgung noch einmal allen vor Augen geführt. Das spiegelt sich in einem Teil der Anregungen ebenfalls wieder. Ganz wichtig ist einigen, dass Krankenhäuser nicht nach ihrem Profit bewertet werden. Der Enzkreis ist selbst Träger der RKH Kliniken in Mühlacker und Neuenbürg. Deren Weiterentwicklung hat der Kreistag bislang nicht an ehrgeizigen finanziellen Forderungen festgemacht.

Plastik und Lebensmittel sparen: Ein bewusster Lebensstil ist ebenfalls etwas, was Bürger für den Enzkreis wichtig finden. Zum Konsum sind einige Ideen genannt worden. Ein möglichst großer Verzicht auf Plastikmüll zum Beispiel. Aber auch Gegenmittel gegen das übermäßige Wegwerfen von Lebensmitteln. Und Achtung: Es gibt auch einen Bürger, der auf der Beteiligungsplattform dem Enzkreis eine Erhöhung der Müllgebühren vorschlägt, um Abfallmengen zu reduzieren.

Schule fürs Leben:Bildung ist den Bürgern wichtig: Viele Zukunftsideen auf der Plattform drehen sich aber auch darum, dass Kindern und Jugendlichen im Unterricht mehr lebenspraktisches Wissen vermittelt werden sollte. Der Umgang mit einem Budget im eigenen Haushalt oder die Vermeidung von Schulden zum Beispiel. Die Einbindung digitaler Technik im Alltag des Enzkreises brennt auf den Nägeln. Und der Ausbau des Datennetzes, ohne den das nicht geht.

Bauen mit Weitsicht: Wohnraum ist ein dringendes Thema: Enzkreis-Bürger plädieren aber für ein Bauen mit Material, das eine bessere Öko-Bilanz hat. Holz als Baustoff hat Fans im Enzkreis, aber auch das derzeit in Straubenhardt zu beobachtende Modell eines komplett recyclebaren Feuerwehrhauses, bei dem auch der Beton wiederverwertbar sein wird, macht Eindruck. Edith Marqués Berger sagt, auch bei Ausschreibungen könne man da viel steuern. „Denn vieles, was beim Bauen kurzfristig billig erscheint, ist langfristig teurer.“

Die Plattform findet sich unter https://agenda2030.enzkreis.de

Alexander Heilemann

Alexander Heilemann

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