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23.09.2008

Stuntman aus Singen zwischen Kettensäge und Crash

Die Kettensäge kreischt. Darunter liegt eine junge Frau. Dazwischen nur ein Holzbalken, der mit Wucht zersägt wird. Wenige Millimeter vor der Nase der jungen Frau ist dann alles vorbei. Die Kettensäge geht in die Höhe, Applaus. Solche Bilder sieht man, wenn Marko König bei seinen Adrenalin-Shows Hand anlegt.

Marko König ist Stuntman. Die Buchstaben P, U, N, K hat er auf den Fingern seiner rechten Hand eintätowiert. Kein perfektes Profi-Tattoo, sondern eines Marke Eigenbau. Links ist das eingekreiste Anarchie-A zu sehen. Auf dem rechten Oberarm, dessen Umfang Platz für eine ganze Bildergalerie bietet, ist ein Punker mit Irokesenschnitt zu sehen. So hat Marko König in jungen Jahren einmal ausgesehen. Heute ist der „wasserstoffblonde Hahnenkamm“ weg, die neue Frisur ist topmodisch gestylt. Sein elegantes T-Shirt und die Stoffhose sitzen perfekt. So sieht kein Punk aus.

Im Leben von Marko König hat sich seit seiner Jugendzeit viel verändert. Er hatte einen Traum, er hatte vielleicht auch ein bisschen Glück, auf jeden Fall Mut, Ehrgeiz und die nötige Portion Disziplin, um diesen Traum zu verwirklichen. Und so ist er nun heute kein Punk mehr, sondern ein Stuntman mit eigener Truppe, ein Coach für Stars, die sich für ihre stressigen Auftritte fit halten wollen, ein Show-Künstler, der mit der Motorsäge tanzt, und ein Botschafter für die Gewaltprävention in Schulen.

Nur eines ist der 1969 in Pforzheim geborene, in Remchingen-Singen aufgewachsene Mann mit dem breiten Kreuz nicht mehr: Isolierblechner. „Dem Vater zuliebe habe ich einen anständigen Beruf gelernt“, erzählt König. Ausgeübt hat er diesen Beruf nicht. Mit 18 Jahren ist er nach Karlsruhe gezogen, ein paar Monate später hat er sich in der Münchner Filmstuntschule täglich mehrmals und kunstgerecht verprügeln und von hohen Türmen werfen lassen.

König ist ein Bewegungstalent, einer, der es gern extrem mag, der im Sport die Grenzen des Machbaren überschreiten will, der vor keiner Gefahr zurückschreckt, der den Reiz des Risikos schätzt, ohne sich blindlings überall eine blutige Nase zu holen. Er beherrscht diverse Kampfsport-Techniken, schwimmt wie ein Fisch und hat in jungen Jahren diese Fertigkeiten genutzt, um als Bademeister, Sportanimateur in Ferienclubs oder Trainer in Sportclubs zu arbeiten. „Ich bin der typische Quereinsteiger“, sagt der heute in Karlsruhe und Köln lebende König.

Sein großes Ziel aber war es, Stuntman zu werden. Und nicht nur die körperlichen Voraussetzungen hat er dafür mitgebracht, auch mental zeigt er Stärke. „Ich will immer da anfangen, wo andere aufhören“, sagt König. Ideal für Filmemacher, die die Anforderungen an Stunts immer höher schrauben. Und weil König keine Angst vor der Gefahr hat, sondern stets den Weg sucht, das Riskante zu tun, ohne ein unnötiges Risiko dabei einzugehen, konnte er im harten Filmgeschäft bestehen.

Die Anfänge seiner Karriere vor der Kamera waren eher bescheiden: In der Kinder-Fernsehsendung „Tigerenten-Club“ zeigte er Schwertkämpfe und eine Show-Schlägerei. In den 90-ern spielte er in vielen TV-Serien mit, vor allem bei „Tatort“-Filmen, zum Beispiel mit Götz George als „Schimanski“.

Er spielte Seite an Seite mit Joaquin Phoenix, Ed Harris, Scott Glenn und Anna Paqquin, ist in internationalen Produktionen wie „Buffalo Soldiers“ (König: „Da haben wir Königsbach platt gefahren mit den Panzern.“) oder deutschen Kinofilmen wie „Viehjud Levi“ und „Rosenzweigs Freiheit“ zu sehen. Heute aber muss er nicht mehr nur Promis doublen, sondern trainiert diese persönlich. So ist er der Coach von Coco Brown, dem neuen Stern am US-Rapper-Himmel. König hat sie für ihre US-Tour in Form gebracht.

Doch der Selfmademan hat nicht vergessen, dass er nicht immer in der Promi-Liga mitspielen durfte. Der frühere Punker, der seinen eigenen Weg erfolgreich gegangen ist, will anderen Jugendlichen, die Gefahr laufen, den falschen Weg zu gehen, helfen. So hat er ein eigenes Projekt der Gewaltprävention ins Leben gerufen.

Er geht in Schulen, zeigt den harten Jungs, was wirklich hart ist. Der Nichtraucher, der auch auf Alkohol verzichtet, will vermitteln, dass mit Disziplin mehr zu gewinnen ist. „Disziplin ist rar geworden“, sagt König. Aber genau das bräuchte man, wenn man beim Leben auf der Überholspur nicht unter die Räder kommen wolle. Thomas Kurtz