nach oben
"Techtastisch" heißt der Kanal, auf dem Marcel H. seine Experimente zeigt.
"Techtastisch" heißt der Kanal, auf dem Marcel H. seine Experimente zeigt. © Seibel
30.06.2016

"Techtastisch": Chemie-Unterricht für Hunderttausende auf Youtube

Er trägt flüssiges Metall auf den Händen und lässt Gegenstände schweben: Mit Chemie- und Physik-Experimenten erreicht ein junger Mann aus der Region Hunderttausende Fans - über seinen Youtube-Kanal "Techtastisch".

Wer Marcel H. in seinen Videos sieht, fühlt sich unweigerlich an frühere Mitschüler erinnert: An die, die im Chemie- und Physik-Unterricht unentwegt den Finger in die Höhe recken. Die, die von Lehrern als wissbegierig und fleißig geschätzt, von Klassenkameraden aber eher als streberhaft und anstrengend eingestuft werden. Nur: Dieses Bild vom heute 21-Jährigen ist völlig falsch. „Ich fand den Unterricht langweilig, habe nie richtig aufgepasst“, erinnert sich der Youtuber an seine Realschulzeit. „Ich war nicht dumm, aber stinkfaul“, räumt er ein – so stand am Ende in Physik die Note 2, in Chemie die 3. Angeeignet hat sich der junge Mann aus dem Enzkreis sein naturwissenschaftliches Wissen übers Internet – „ohne Schulbücher“, sagt Marcel schmunzelnd.

Dass in diesem Text nur sein Vorname auftaucht, hat einen guten Grund. Oder genauer gesagt: über 205.000 Gründe. Denn so viele Menschen haben seinen Youtube-Account „Techtastisch“ abonniert, in dem er Videos von chemischen und physikalischen Experimenten veröffentlicht: vom harmlosen Heimexperiment, in dem er Wattebällchen schweben lässt, bis hin zu Versuchen mit Feuerstahl, vor deren Nachahmung er warnt.

Mit der Anonymisierung möchte Marcel seine Privatsphäre schützen. Schließlich ist er der wohl erfolgreichste Youtuber aus der Region. Schon 2008 experimentierte er mit Slow-Motion- und Gaming-Filmchen. Aber eine Nische fand er erst mit „Techtastisch – Experimente und Lifehacks“, wie sein vor zwei Jahren gestarteter Kanal mit vollem Namen heißt. Dabei ist so mancher „Lifehack“, der seine Fans verblüfft, Großmüttern schon als „Trick 17“ bekannt: etwa die Reinigung von Silber mit Wasser, Salz und Alufolie. Anders als die Durchschnittsseniorin erklärt Marcel in seiner Dachgeschosswohnung aber auch, wegen welcher chemischer Reaktionen die Münze wieder glänzt. Welche das genau sind, haben fast 50 000 Betrachter des Videos gelernt.

Da kommt Marcels nächste Aussage überraschend: „Es geht mir nicht primär um Bildung“, sagt er. Sondern? „Ich will Leute unterhalten und damit ihr Interesse wecken. Sie sollen sich fragen: Wieso ist das so?“ So vermittelt er Wissen durch die Hintertür. Dieses Wecken der Neugier ist auch ein Effekt, der sich einstellt, wenn man den 21-Jährigen besucht. Wie hält die Pfanne an der Küchenwand? Was machen die zusammengeschweißten Kugeln auf dem Wohnzimmerboden? Weshalb liegen Diamanten auf dem Fenstersims, warum steht in der Ecke eine Flasche Helium-Gas? Schon dieser kurze Rundblick durch seine Wohnung zeigt: Die Ideen werden dem 21-Jährigen nicht ausgehen – schon deshalb, weil ihn seine Tausenden Fans immer wieder mit Input versorgen, die Anhängerschaft also wohl weiter wachsen.

Aufklärung statt Böllerbau

Dennoch sind für ihn die Videos mit den meisten Klicks nicht automatisch die besten. Das erfolgreichste etwa – etwa 440.000 schauten zu, wie er 2000 Wunderkerzen auf einmal entzündete – sieht Marcel eher kritisch. „Das war ein Abo-Spezial, mit dem ich mich für 100 000 Abonnenten bedanken wollte“, sagt er.

„Aber eigentlich halte ich von Pyro-Experimenten nicht allzu viel.“ Schließlich gefährde er damit nicht nur sich selbst, sondern – aller Warnhinweise zum Trotz – auch etwaige Nachahmer. „Daher wird auf meinem Kanal auch nie ein Video zum Böllerbau erscheinen“, verspricht Marcel, der die Risiken der Chemie schon selbst kennengelernt hat: mal schmolz er mit einem heißen Laborbecher – versehentlich – den Teppich seiner Ex-Freundin, mal versengte er sich mit flüssigem Grillanzünder die Haare. Glücklicher als über den Erfolg mit Feuer-Videos ist er daher auch über einen anderen Film, in dem er auf die Gefahren des „Rauchender-Finger-Tricks“ hinweist. „Unter Youtubern ist der Trick weit verbreitet, dabei entsteht dabei weißer Phosphor, der hochgiftig ist.“ Als „kleinen Warnschuss“ habe er daher ein Video gedreht, um über die Gefahren aufzuklären. Der eindeutige Titel: „Warum der rauchende Finger Trick dich TÖTEN kann!“ fast 340.000 Fans haben sich das angeschaut.

Einige von ihnen hat der kleine Youtube-Star zuletzt beim Fantreffen in München kennengelernt. Begeisterung liegt in seiner Stimme, als er von den dortigen Begegnungen erzählt: „Da kam ein Zehntklässler auf mich zu, der Chemie immer langweilig fand, es nun aber wegen mir studieren möchte.“ Auch die Altersspanne habe ihn überrascht: „Da war alles dabei, von sechs bis über 30“ – in der Youtube-Welt ist vor allem die zweite Zahl schon ein beachtliches Alter. Auch deswegen schätzt der junge Mann die Zahl der minderjährigen Nutzer seines Kanals „auf maximal 30 Prozent“. Inzwischen hätten auch Lehrer den Kanal für ihren Unterricht entdeckt, Marcel selbst führte seine Experimente schon im Kinderkanal und in Workshops vor. Seine Einnahmequelle Nummer eins bleibt aber sein Hauptjob in der Industrie, gefolgt vom Sponsoring auf Youtube. So entstand etwa ein Video über Supermagnete mit der Unterstützung eines Onlineshops – eine geschäftliche Beziehung, auf die der junge Mann anders als manch anderer Youtuber in den Videos hinweist.

Dem Gegenüber stünden über 10 000 Euro, die er für Video-Ausrüstung sowie das Material für seine Experimente investiert hat, sowie eine 70-Stunden-Woche. „Jede Videominute kostet mich zwei bis drei Stunden Arbeit“, rechnet Marcel H. vor – und verrät: „Ich würde mich natürlich freuen, wenn ich die Videos irgendwann hauptberuflich machen kann. Schließlich möchte doch jeder gerne von seinem Hobby leben können.“

Jetzt anmelden: „Techtastisch“ im PZ-Forum

Unter dem Titel „Techtastisch – da stimmt die Chemie“ tritt Marcel H. am Donnerstag, 13. Oktober, im PZ-Forum auf. Spannende Experimente, auch zum Mitmachen, warten ab 1 9Uhr auf die Besucher. Karten gibt es für 5,50 Euro, für Inhaber der PZ-Abocard für 3,50 Euro. Diese sind montags bis freitags, zwischen 8 und 17 Uhr erhältlich bei der Pforzheimer Zeitung, Poststraße 5, telefonisch unter (0 72 31) 93 31 25. Online gibt es Karten für jeweils 50 Cent mehr unter www.pz-forum.de.

Ob Snapchat, Facebook oder Instagram: Auch die PZ ist in den neuen Medien vertreten - und zwar mit den folgenden Nutzernamen:

Facebook: facebook.com/pznews
Twitter: @pznews
Instagram: instagram.com/pznews
Google+: plus.google.com/+pznews
Whatsapp: PZ-Newsletter über www.pz-news.de/whatsapp
Snapchat: pznews (Oder den Snapcode scannen, um die PZ hinzuzufügen)

Sie kennen weitere erfolgreiche Social-Media-Nutzer aus der Region, über die die PZ berichten sollte? Dann schreiben Sie uns an simon.walter@pz-news.de.