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Unterwegs mit der Bahn in der Region: Unpünktlichkeit ärgert Kunden

Mit der Fahrplanumstellung zum 9. Juni ist beim öffentlichen Personennahverkehr praktisch nichts mehr, wie es vorher war. Vieles hat Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) verbessern wollen. Doch immer mehr wird klar: Der Teufel liegt im Detail. Die PZ machte Testfahrten und hörte sich um.

Die Bahn kommt! Das verspricht die Deutsche Bahn in einem musikalisch elektrisierenden Werbesport mit Techno-Star Marusha. Sie kennen Marusha nicht? Nun ja, der TV-Werbespot ist lange her. Ein gefühltes Vierteljahrhundert. Und schon damals sind die Bahnen nicht wirklich pünktlich. Daran scheint sich bis heute nicht viel geändert zu haben. Trotz neuer Anbieter. Zwar läuft es bei Abellio im Wesentlichen reibungslos, dafür hat Go-Ahead mächtig Probleme. Aber auch die Deutsche Bahn kommt aus der Dauermisere nicht heraus.

Typisches Beispiel vom Mittwochvormittag: Ein Ehepaar aus Dürrmenz steigt auf großer Fahrt nach Prag zunächst in Mühlacker in den IC Richtung Nürnberg, um nach nicht einmal drei Minuten Antrittsfahrzeit bereits hinter dem Halt Rößlesweg zum Stillstand zu kommen. „Technische Probleme“ heißt es lapidar. Mit satten 20 Minuten Verspätung kann der IC nach Stuttgart die Fahrt fortsetzen.

Frust sitzt tief bei den Fahrgästen

Auch die Redaktion ist unterwegs, in Zügen und auf Bahnsteigen. Und der PZ-Reporter ist überrascht, wie bereitwillig die Kunden in den Zügen auf der Residenzbahn Auskunft geben: Die neuen Anbieter und der neue Fahrplan bewegen die Nutzer so sehr, dass Kunden, die den Fragenden wahrnehmen, sogar von sich aus auf ihn zukommen.

Einer von denen, die sich den Frust von der Seele reden wollen, ist Veit Schäfer (77) aus Karlsruhe. Früher sei das alte Streckennetz der AVG mit der Linie S5 von Karlsruhe aus nach Mühlacker ideal gewesen. Man habe in Pforzheim sitzenbleiben und den Zielort umstiegsfrei erreichen können. Da er wiederum vom Mühlacker Hauptbahnhof mit dem Bus nach Großglattbach weiter müsse, habe auch diese Option fast immer auf die Minute hingehauen.

Nun sei man länger und komplizierter unterwegs und erreiche auch den besagten Bus nicht mehr. Was früher ideal gewesen sei, entwickele sich zunehmend zur Ochsentour. Mit dieser Sicht der Dinge ist Schäfer bei weitem nicht allein. Der neue Schnitt im Nahverkehr im Pforzheimer Hauptbahnhof wird von vielen Kunden als nachteilig empfunden. Von Gelegenheitskunden genauso wie von Pendlern.

Ausfahrbare Trittbretter fremdeln mit den Bahnsteigen

Am Haltepunkt in Eutingen sitzt eine Frau, die viel mit dem Zug in der Region unterwegs ist. Auch sie bedauert den Wegfall des über Pforzheim hinausgehenden Angebots mit der AVG-Bahn. Natürlich habe sich die Gesamtstrecke vormals in die Länge gezogen, aber man habe eben in Eutingen einsteigen und sitzenbleiben können, bis man sein Ziel erreicht habe.

Jede Menge technische Probleme gibt es seit der Umstellung der Fahrpläne auf der hiesigen Residenzbahn. Die Interregioexpress-Züge von Go-Ahead mit Linienkennung IRE 1, es handelt sich um funkelnagelneue Flirt-3-Züge von Stadler, zicken gewaltig. Schuld sind die ausfahrbaren Trittbretter, die mit einigen Bahnsteighalten heftig fremdeln. Seit der besagten Fahrplanumstellung zum 9. Juni ist bei den Kunden der Teufel los. In den ersten Tagen kommen reihenweise IRE-Züge bis zu einer Dreiviertelstunde zu spät.

Enttäuscht vom IRE von Go-Ahead

Was auffällt: Wer die neuen Züge schon kennt, findet sie im Vergleich zum alten Zugmaterial der Deutschen Bahn alles in allem attraktiver. Auch vermisst kaum jemand die Doppelstockkonstruktion des alten IRE. Gleichwohl setzen unterm Strich praktisch alle von der „Pforzheimer Zeitung“ befragten Zugkunden eine klare Priorität. In erster Linie müssen die Bahnen pünktlich sein.

Das war bei Abellio von Anfang an der Fall, ebenfalls bei der AVG, aber eben nicht bei Go-Ahead. IRE sind oft auch regionale Zubringer für Intercity-Verbindungen auf der Schnellbahntrasse Stuttgart-Mannheim. „Bislang konnten wir hierzu keinen Anstieg von Beschwerden verzeichnen“, so ein Sprecher der Deutschen Bahn aus Stuttgart.

Wie auch immer: Zumindest der IRE von Go-Ahead läuft am Anfang unter der Rubrik „Hasszug für Wutbürger“. Zwar ist auch der alte Interregio-Express der Deutschen Bahn nicht selten ein enttäuschender Zeitgenosse, der morgens schon in Mühlacker mit Fehlzeiten aus Stuttgart einrollte und am Abend in Pforzheim mit beachtlichen „Verspätungen aus vorangegangener Fahrzeit“ (so das Bahndeutsch bei Durchsagen) unangenehm auffiel. Doch der neue IRE erwischte – technisch bedingt – einen wahrlich schlechten Start.

"Als Pendler ist das eine Katastrophe"

Nico Reißmann aus Pforzheim gehört zu denen, die Frustmails an die Redaktion einsandten. In seinem Schreiben heißt es: „Um es kurz zusammenzufassen: Vollkatastrophe. Heute Morgen hätte ich um 8.05 mit dem IRE von Pforzheim nach Karlsruhe fahren müssen. Dieser hatte über eine Stunde Verspätung. Jetzt das Gleiche auf dem Rückweg um 18.05 Uhr. Der Zug hat zirka 25 Minuten Verspätung.“

Und Reißmann weiter: „Als Pendler ist das eine Katastrophe, vor allem weil man Arbeitszeit verliert, die neben langem Warten auch noch verlängerte Arbeitszeit mit sich bringt. So viel Unfähigkeit habe ich selten erlebt.“

Problematische Startphase

Reza Alezadeh aus Mühlacker kann sich noch gut an den wackeligen Start der Interregio-Expresse erinnern. Gleichwohl ist er optimistisch. Das Gefühl sei vorhanden, dass sukzessive alles besser laufe. Das müsse aber auch so sein. Die Kunden würden von einem Bahnbetreiber in erster Linie Pünktlichkeit erwarten.

Dass man das Auto stehenlasse, um als Pendler dauerhaft auf die Bahn umzusteigen, könne nur dann ein erfolgreiches Konzept sein, wenn man sich auf den Zug verlassen könne. Welcher Schüler oder welcher Beschäftigter kann es sich leisten, ständig zu spätzukommen oder möchte seine Freizeit auf dem Bahnsteig verbringen?

Und natürlich sind auch Reisende auf eine pünktliche Verbindung angewiesen, wie Enikö Dobra aus Pforzheim unterstreicht. In welchem Zug sie fährt, ist ihr egal. Wichtig ist ihr, zum richtigen Zeitpunkt in Stuttgart zu sein.

Bahnfahrt mit Wut im Bauch

Die Redaktion hat bereits in der Vergangenheit sowohl auf PZ-news.de als auch in der Print-Ausgabe zahlreiche Eindrücke und Erfahrungen der Kunden mit den neuen Anbietern dargestellt. Nachfolgend Auszüge von weiteren Kritikern, die neuerdings nicht mehr ganz so genau wissen, ob sie der Bahn treu bleiben können.

„Ich musste feststellen, dass die von der Firma Stadler hergestellten Wagen (Go-Ahead) alles andere als seniorengerecht sind. Menschen, die aus irgendwelchen Gründen ihre Beine nicht mehr so gut anheben können, sind einer erheblichen Sturzgefahr ausgesetzt, da die Böden ähnlich wie ehedem bei den DB-Waggons des früheren Regionalexpresses immer wieder bauartbedingt ansteigen und abfallen. Diese Stolperfallen sind leider nicht gekennzeichnet“, lautete eine Kritik.

Ein weiterer Nutzer beklagt die mangelnde Kooperation von Go-Ahead und Deutscher Bahn und berichtet von uneinsichtigen Bahnmitarbeitern: „Wir baten die Lokführerin des einfahrenden Zuges von DB Regio um Informationen, wie wir nun zu unseren Zielbahnhöfen kommen könnten. Die Lokführerin telefonierte daraufhin mit einem Kollegen und ließ uns danach nur sehr unfreundlich die Information zukommen, dass sie nicht zuständig sei, da die Verspätung durch den Betreiber Go-Ahead verursacht wurde und dieser damit als Ansprechpartner zuständig sei.“