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29.04.2009

Vater sagt im Wörz-Prozess aus: Opfer braucht Dauerpflege

BIRKENFELD/MANNHEIM. Im Wörz-Prozess rückte am Mittwoch das Opfer in den Blickpunkt. Andrea Z. wird von ihren Eltern rund um die Uhr betreut. Genau vor zwölf Jahren wurde sie fast erdrosselt. Sie ist seitdem schwerst behindert.

Vielleicht war es nur ein Zufall, als das Landgericht Mannheim die Termine für das neue Wörz-Verfahren ansetzte. Auf den Tag genau zwölf Jahre später, nachdem ein Täter die damals 26-jährige Polizistin Andrea Z. in Birkenfeld zu töten versuchte, schilderte ihr Vater, 61 Jahre, das Leid seiner Tochter. Das Opfer ist auf fremde Hilfe angewiesen.

„Sie bekommt Medikamente, sie muss ständig gepflegt werden, und wir müssen sie meist über eine Magensonde ernähren“, beschrieb Wolfgang Z. vor der Strafkammer den wiederkehrenden Ablauf der 24-stündigen Betreuung. Manchmal könne er sie zu einem Ausflug auf dem Traktor mitnehmen. Vor dem Fernseher finde sie Entspannung. Andrea Z. wird aber nie mehr sagen können, wer sie töten wollte, so schwer sind die Hirnschäden nach der minutenlangen Drosselung am 29. April 1997.

„Ominöser Zufall“

Wolfgang Z., der in der Tatnacht ein Stockwerk unter der Wohnung seiner Tochter schlief, wachte damals durch einen „ominösen Zufall“ auf. Der Wecker seiner Armbanduhr piepte. Seit der Abreise aus Italien nach einem Sporttraining habe er den Alarm auf 2.34 Uhr eingestellt. Um 2.34 Uhr habe er auch Klopfgeräusche aus der Wohnung seiner Tochter gehört, sagte der ehemalige Polizist, der dann nach oben eilte und seine Tochter leblos im Flur fand.

Wolfgang Z. tippte sofort auf eine Beziehungstat: „Über den Funk habe ich den Kollegen die Adressen von drei Personen durchgegeben, die aus meiner Sicht dafür in Frage kamen.“ Das war der Liebhaber seiner Tochter, ein Polizist, sowie dessen Ehefrau. „Die beiden sollen damals schon die Scheidung eingereicht haben“, habe ihm seine Tochter wenige Tage vor der Tat erzählt. Zudem wies Wolfgang Z. die Ermittler auf Andreas ehemaligen Ehemann Harry Wörz hin, von dem sie sich ein Jahr vorher getrennt hatte. „Der Streit zwischen den beiden eskalierte, weil Andrea das alleinige Sorgerecht für das gemeinsame Kind beantragen wollte“, sagte ihr Vater.

Ob Wörz noch einen Schlüssel für das Haus besaß, wisse er nicht. Wörz, 1998 zu elf Jahren Gefängnis verurteilt, wohnte mit Andrea Z. in der kleinen Einliegerwohnung, bis das Ehepaar nach Gräfenhausen umzog. „Ich weiß nicht, wie viele Schlüssel es insgesamt gab“, sagte Wolfgang Z., der seine Schlüssel bei der Polizei abgeben musste, freilich auch erklärte, die ermittelnden Beamten hätten den Tatort „nicht versiegelt“.

Dass die Kripo am Tatort weder Siegel noch Klebestreifen anbrachte und das Grundstück nicht bewachte, räumte gestern der Leiter der damaligen Arbeitsgruppe „Erle“ ein. „Wir hatten alle Schlüssel eingesammelt“, sagte der Chef des Ermittlungsteams, unbefugt habe niemand das Haus betreten können. „Vielleicht hatte aber der Täter noch einen Schlüssel“, sagte Wörz-Verteidiger Ralf Neuhaus. Der Chef der Ermittlungsgruppe bestätigte, dass Andreas Vater und ihr Freund, der zunächst wie Wörz unter Verdacht stand, wenige Tage nach der Tat in die Wohnung durften: „Sie wollten Musikkassetten auswählen, die Andrea helfen sollten.“

Akribisch versuchte die Strafkammer aufzuklären, wer in der Küche einen Mülleimer leerte, in den mehrere Schlüssel geworfen worden seien. In den Akten gebe es keinen Hinweis, so Richterin Beck, später sei aber der Inhalt des Eimers in die Mülltonne vor dem Haus gebracht worden. „Das hat mich damals auch gewundert“, sagte der Beamte.