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Hochwasser - eine Region wird überschwemmt

Hochwasser in Ellmendingen. © Simon
Standfest in den Fluten: Die Helfer von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk mussten bei ihrem stundenlangen Einsatz oft mitten im Wasser stehen, das zuweilen mit hoher Geschwindigkeit über die Straßen schoss. © Tilo Keller
02.06.2013

Vom Wasser überrascht - Gefahr in Region gebannt

„Jetzt hat sich die Lage entspannt“, freut sich am Sonntagnachmittag Einsatzleiter Eckhard Krehnke von der Feuerwehr Pforzheim. Nur vereinzelt habe es am Sonntag, wenn zum Beispiel Urlauber nach Hause gekommen und überrascht worden sind, noch Hochwassereinsätze gegeben.

Bildergalerie: Einen Tag nach dem Hochwasser

Bildergalerie: Überschwemmungen bei Mönsheim und Wimsheim

Am Samstag hat das noch ganz anders ausgesehen. Tausende Feuerwehrleute, Polizisten, Helfer vom Technischen Hilfswerk, vom Roten Kreuz und Mitarbeiter der Gemeinde-Bauhöfe, unterstützt durch Feuerwehrkräfte aus dem Kreis Böblingen, so Kreisbrandmeister Christian Spielvogel, waren zum Teil 14 Stunden und mehr im Einsatz, um rund 500 Unwettereinsätze abzuarbeiten.

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Bildergalerie: Großer Flut-Einsatz auf dem Buckenberg in Pforzheim

Und alles nur, weil es einfach nicht aufhören wollte zu regnen. Der Boden konnte das Wasser nicht mehr fassen, Bäche wuchsen zu Flüssen, Wiesen zu Seen, und von den Waldhängen schoss das Wasser herab, oft begleitet von Schlamm und Geröll. An vielen Stellen wurden die Wassermassen von Sandsackbarrieren aufgehalten und umgeleitet. Die Vorräte an gefüllten Sandsäcken waren jedoch nach wenigen Stunden aufgebraucht. Beim Technischen Hilfswerk an der Villinger Straße in Pforzheim und im Feuerwehrgerätehaus in Dillweißenstein wurden im Akkord weitere Säcke abgefüllt.

Bildergalerie: Land unter und im gesperrten Würmtal

Am Sonntag ging es dann darum, die Sandsäcke wieder einzusammeln, bei der Stadtgärtnerei zu entleeren und die Säcke zum Trocknen aufzuhängen. Den Sand kann man wohl nicht noch einmal als Material für eine Wasserbarriere benutzen, denn die feinen und dichtenden Sandteile darin sind weggespült worden, wie Einsatzleiter Krehnke erklärte.

Bildergalerie: Einsatz im Seehaus wegen Wasser im Heizölkeller

Zu einer dramatischen Situation kam es am Samstagnachmittag am Ortsausgang von Nöttingen. Dort waren 66 Ziegen auf der dem Wasser abgewandten Seite des dortigen Hochwasserdamms von den Wassermassen eingeschlossen. Zuvor hatte man aus Angst vor einem Deichbruch die Schleusen geöffnet.

Bildergalerie: Mühlacker unter Wasser

„Das Hochwasser hat Sachschäden verursacht, aber wir sind sehr froh, dass es keine Verletzten gab“, zeigt sich der Erste Landesbeamte des Enzkreises, Wolfgang Herz, erleichtert. In Illingen wurde eine vermisste Person in einer überfluteten Garage gemeldet. Feuerwehr-Taucher aus Stuttgart mussten jedoch nicht eingreifen, da die vermisste Person entdeckt und von Nachbarn in Sicherheit gebracht wurde. Zweimal gab es in Illingen Personen in einer Notlage, die sofort medizinische Hilfe benötigten.

Mehrere Keller standen dort bis zu eineinhalb Meter tief unter Wasser. Die Ortsdurchfahrt wurde erst in den frühen Sonntagmorgenstunden wieder freigegeben. „Das war schlimmer als beim Weihnachtshochwasser 1993“, bilanziert Illingens Kommandant Joachim Saalbach. In Mönsheim mussten mehrere Häuser an der Grenzbachstraße evakuiert werden, da hier das Wasser bedrohlich hoch stand.

Zeitweise von der Außenwelt abgeschnitten, zumindest was die Anfahrtsmöglichkeit betraf, war die Gemeinde Sternenfels und der dazugehörige Ortsteil Diefenbach. Dort waren Häuser vollgelaufen und eine Schotterstraße hat es auf eine andere „runtergespült“, wie der stellvertretende Kommandant Michael Hildwein berichtete. Überflutete Straßen mussten zeitweise komplett gesperrt werden. In Oberderdingen war die Feuerwehr bis Sonntagmittag rund 28 Stunden lang im Dauereinsatz.

Das vom Pforzheimer Hagenschießwald in Richtung Buckenberg/Haidach und Südoststadt strömende Wasser musste mit Sandsackbarrieren umgeleitet werden. Anwohner wurden durch Radioansagen gewarnt.

{element10}Ins Würmtal hinab gab es Erdrutsche, weshalb die Würmtalstraße und mehrere Verbindungsstraßen gesperrt werden mussten. Ein Fachmann hat die überflutete Brücke in den Stadtteil Würm nach einer Inspektion am Sonntag wieder freigegeben.

In Königsbach und dem Remchinger Ortsteil Singen ist der Kämpfelbach über die Ufer getreten. An der Nöttinger Straße, dem Bereich direkt hinter dem Remchinger Rathaus, hat die Feuerwehr die Straße gesperrt. Dort haben Pfinz und Seebach den Platz überflutet. Anwohner versuchten mit Besen und Schaufeln den Schlamm zurückzuhalten, sammelten dickere Äste aus völlig verstopften Gully. Im Bereich von Wiesen-, Garten- und Friedenstraße wurden überall Keller ausgepumpt. Auf der B10 in Richtung Kleinsteinbach hat das Hochwasser die Fahrbahn überflutet. Geröll und Schlamm lagen auf der Fahrbahn. Genau wie am Ortseingang von Königsbach in Richtung Walzbachtal.

Gegen 14 Uhr sperrten zwei Mitarbeiter des Bauhofs in Remchingen-Singen die Pfinzstraße für den Verkehr. Im hinteren Bereich war die Feuerwehr schon einige Stunden damit beschäftigt, Keller auszupumpen. An der Singener Mühle, dort fließen Kämpfelbach und Pfinz zusammen, wurde aus dem friedlichen Fluss eine reißende Flut – fatal für die angrenzenden Wohngebiete, aber auch Supermärkte und andere Gebäude.

Weitere Einsatzschwerpunkte waren der Bereich Mühlacker/Ötisheim, wo es zu zahlreichen Überflutungen kam, sowie in Keltern-Ellmendingen. Dort trat der Arnbach über die Ufer. Die Ortsmitte sah stellenweise so aus, als würde hier zwischen den Häusern keine Straße und kein Gehweg liegen, sondern nur ein Fluss hindurch fließen. Oft war es nicht leicht, einen sicheren Weg aus den betroffenen Gemeinden herauszufinden. In Ötisheim zum Beispiel wurde vorsorglich die Schule als Fluchtraum geöffnet.

Zahlreiche Straßen mussten ab den Mittagsstunden wegen Überflutung und Geröll gesperrt werden, darunter die B10 zwischen Niefern und Mühlacker und die B294 ab der Abzweigung nach Dürrn in Richtung Bretten sowie mehrere Landesstraßen. Die meisten Sperrungen konnten im Lauf des Samstagabends wieder aufgehoben werden. Erst am Sonntag wieder passierbar war die Würmtal-Straße vom Kupferhammer in Pforzheim bis nach Tiefenbronn-Mühlhausen. Länger geschlossen blieb auch die Grösseltalstrecke zwischen Engelsbrand und der B294. Selbst die Autobahn war von den Fluten betroffen. Zeitweise war bei der Anschlussstelle Pforzheim-Ost ein Fahrstreifen in Richtung Stuttgart gesperrt, ebenso die Ausfahrt.

Die Gefahr bei solchen Überschwemmungen besteht immer auch in der Verunreinigung des Wassers mit giftigen Stoffen. Aus Neuenbürg wurden Trübungen im Trinkwasser gemeldet. „Wir gehen im Moment davon aus, dass das Hochwasser die Qualität des Trinkwassers nicht beeinträchtigt hat“, berichtet Dr. Arnd Goppelsröder, Sachgebietsleiter für Trinkwasser und Umwelthygiene im Gesundheitsamt.

Im „Seehaus“ zwischen Pforzheim und Tiefenbronn gab es einen größeren Feuerwehreinsatz, weil hier 3000 Liter Heizöl im Keller lagern – und der war wie die Umgebung auch total überflutet. In Mühlacker wurde eine Reinigung überschwemmt. Allerdings konnte verhindert werden, dass dabei Chemikalien in das Wasser gelangten.

Übel erwischt hat es auch die Firma Mapal auf der Wilferdinger Höhe in Pforzheim, in der die große Halle komplett unter Wasser stand. Es traf auch andere Betriebe oder Einkaufszentren im Enzkreis. Über die Gesamt-Schadenshöhe können derzeit noch keine Angaben gemacht werden – viele Schäden werden erst nachträglich erkannt.

Offensichtlich sind die Schäden zum Beispiel in den Freibädern wie in Mönsheim oder Wilferdingen. Nach der Überflutung hatten nicht nur die Liegewiesen, sondern auch der Inhalt der Schwimmbecken eine andere Farbe angenommen. Dass es nicht nur für Freibäder, sondern auch selbst für Bootsfahrer zu viel Wasser geben kann, bewies das Missgeschick, das den Tretbooten am „Bootspick“ an der Enz hinter dem Stadttheater zuteil wurde. Am Samstagabend hatten die reißenden Fluten die Boote losgerissen. Sie mussten auf Höhe des Kraftwerk-Wehrs beim „Parkhotel“ geborgen werden.