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Zur Psychoonkologin Monika Bühler-Wagner hat Horst Karcher einen guten Draht. 

Wenn der Krebs plötzlich den Alltag beherrscht: Zwei Betroffene aus der Region erzählen ihre Geschichte

Jährlich erkrankt rund eine halbe Million Menschen in Deutschland an Krebs. Belastend sind für sie längst nicht nur die körperlichen Folgen. Unterstützung finden Betroffene und ihre Angehörigen aus Pforzheim und dem Enzkreis in der Psychosozialen Krebsberatungsstelle. Die Hilfe kann dabei ganz verschieden aussehen.

Die PZ hat mit zwei Betroffenen gesprochen, die von ihrer Geschichte berichten, von Ängsten und neuer Hoffnung – und das offen und schonungslos. Die Beiden stecken in ganz unterschiedlichen Lebensstadien. Horst Karcher aus Roßwag hat durch die Beratung „zurück ins Leben gefunden“. Dabei war das zu spät erkannte Karzinom nicht der einzige Schicksalsschlag, dem sich der 70-Jährige im vergangenen Jahr stellen musste. Heute mischt er das Seniorenheim auf. Bei Tamara Held (Name geändert), die lieber anonym bleiben möchte, konnte ein Tumor vollständig entfernt werden. Während der Zeit der Chemotherapie halfen ihr Gesprächsgruppen und Entspannungsübungen. Mittlerweile steht die 55-Jährige wieder voll im Berufsleben. Dabei stößt sie allerdings an ihre Grenzen.

„Ich bin wieder da“: Heilungschancen gibt es bei Horst Karcher nicht – aber ganz viel neuen Lebensmut

Eigentlich hatte Horst Karcher alles ganz gut weggesteckt: Dass sich aufgrund von Diabetes einer seiner Mittelfußknochen aufgelöst hatte. Dass im Rahmen der folgenden Untersuchungen durch Zufall ein Prostatakarzinom festgestellt wurde – so spät, dass sein Körper bereits übersät von Metastasen war. Auch, dass er im Rollstuhl sitzen und daher fortan im Seniorenheim leben würde. Doch dann verstarb dort seine Frau. Alles zusammen warf ihn aus der Bahn: „Was 2018 passiert ist, war einfach zu viel für meinen Kopf“, blickt der 70-Jährige zurück.

Wieder ins Leben gefunden hat er dank der Krebsberatungsstelle. Das erste Gespräch liegt mittlerweile ein Dreivierteljahr zurück, heute kommt er regelmäßig. Weil es ihm guttut. „Ich stehe psychologischem Arbeiten eigentlich skeptisch gegenüber“, gesteht der Senior mit dem Vollbart. Er wäre nicht freiwillig hier gelandet, wenn es die Situation nicht erfordert hätte. Doch das hat sie. Fast ein halbes Jahr lang sprach Karcher so gut wie kein Wort – schwer vorstellbar, wenn man seinen Erzählungen heute lauscht.

Hat wieder zu sich gefunden: der 70-jährige Horst Karcher.

Als er in die Klinik gebracht wurde, sei er davon ausgegangen, wieder nach Hause zu kommen. Auch als er zur Kurzzeitpflege ins Mühlacker Seniorenzentrum verlegt wurde, dachte er, dies sei vorübergehend. Doch seine Wohnung sollte er nie wieder zu Gesicht bekommen. Der Rollstuhl wird sein ständiger Begleiter bleiben. Erlebnisse und Gedanken, die er mithilfe der Beratung nach und nach sortiert bekam. „Ich wurde innerlich ruhiger“, sagt der 70-Jährige – und sprach zugleich immer mehr. „Zum Jahresende hat sich ein Schalter umgelegt, ich war wieder da“, erinnert er sich. Die Gespräche bewirkten, dass er freier werde. Nicht nur sein Auftreten habe sich geändert: „Ich kann und muss hier plötzlich über Dinge reden, über die ich früher nie gesprochen hätte.“

Lebensgeister versucht er nun auch bei den anderen Bewohnern zu wecken. Denn mit vielen Gewohnheiten im Heim möchte er sich nicht abfinden. Eine Gruppe mokierte sich über Ausländer – er rief den Besuch internationaler Restaurants ins Leben. Plötzlich wurde Karcher auf dem Flur erkannt. Ab 18.30 Uhr ist Nachtruhe? Nicht mit der „Nachteule“, die auch mal um Mitternacht an der Pforte steht. Neuerdings veranstaltet er Filmabende. 100 Titel führt seine Liste. „Wir sind nicht tot, wir sind noch da“, sagt der gebürtige Schömberger, der zuletzt in Roßwag lebte. „Ich wollte den anderen Gutes tun, sie aus ihrer Lethargie holen – aber vor allem mache ich das für mich, um zu sehen, dass ich noch am Leben bin.“

Als Software-Entwickler war Karcher früher „viel auf Achse“ – daher der Unternehmungsdrang. Er ist heute folglich nicht nur der Jüngste im Heim, sondern auch der Einzige mit EDV-Anlage. Noch immer betreut er einige Kunden, auch, um den Kontakt nach außen nicht zu verlieren. Noch besteht er darauf, für sich selbst zu sorgen. „Als älterer Mensch müssen Sie kämpfen, um zu zeigen, dass Sie mehr können als Ihnen Ihr Umfeld zutraut.“ Er beobachte, dass die Heime auf die folgende Generation nicht vorbereitet seien. Freiheit verschafft ihm sein elektrischer Rollstuhl. „Damit komme ich allein raus auf eine Wiese – um wieder zu mir zu finden.“

„Danach kommt alles raus“: Tamara Held steht wieder voll im Berufsleben – die Belastung ist jedoch zu hoch

Sie wusste sofort, dass etwas nicht stimmt. Tamara Held (Name geändert) bemerkte, wie sich ihr Körper veränderte. Dazu die irgendwann unerträglichen Schmerzen im Bauch. Mit der Einweisung ins Krankenhaus sei „die Odyssee“ schließlich losgegangen, erzählt sie. Es folgte ein dreitägiger Untersuchungsmarathon. Kurze Zeit später dann die Operation – und die Diagnose: Krebs. „Mit Krebs hatte ich mich nie beschäftigt“, gesteht die 55-Jährige. Der Eingriff war erfolgreich, der Tumor konnte vollständig entfernt werden. Keine drei Wochen nach der Entlassung aus der Klinik sollte die Chemotherapie beginnen. Wenig Zeit, nachzudenken. Als der erste Termin näherrückte, erinnerte sich Held an den Flyer der Krebsberatungsstelle, der noch bei ihr in der Schublade lag.

Viel Kraft schöpft Tamara Held aus der Natur.

Genau einen Tag vor Therapiebeginn besuchte sie zum ersten Mal die Gesprächsrunde. Das Thema: Angst. „Ich habe mich so aufgehoben gefühlt“, erzählt die 55-Jährige. Das war 2016. Es folgten weitere Besuche in der Beratungsstelle. Während der Chemotherapie kam sie dank der dortigen Entspannungsübungen runter. „Die Chemo verlief mit Höhen und Tiefen – am Ende waren es nur noch Tiefen“, erinnert sich die Frau aus dem Enzkreis. Mit Tiefen meint sie Gliederschmerzen, Fieberschübe, Konzentrationsschwierigkeiten.

„In der Zeit während der Therapie funktioniert man“, sagt Held. „Danach kommt alles raus.“ Sie konnte nichts essen, weinte viel, fühlte sich ausgelaugt. Die ausfallenden Haare seien da das kleinste Problem gewesen. Mit ihrer Kurzhaarfrisur hat sich die humorvolle Mittfünfzigerin längst angefreundet. Dennoch sei der Friseurtermin ein Schockmoment gewesen. Weniger wegen der Haare. „Ich habe schlagartig gemerkt, was mit meinem Körper passiert, welchem Gift er ausgesetzt ist.“ Ihr Spiegelbild habe sie folglich kaum ertragen: „Ich wollte mich nicht sehen!“ Aufgemuntert habe da ein Schminkkurs für Krebspatienten. „Wir waren alle glatzköpfig – und haben so viel gelacht“ – das tut sie auch jetzt wieder viel.

Drei Jahre nach der Diagnose steht die kaufmännische Angestellte wieder voll im Berufsleben. Nebenher nimmt sie das Yoga-Angebot der Beratungsstelle wahr, die auch ihren Reha-Aufenthalt beantragt hat. Anfangs habe sie stundenweise im Hintergrund gearbeitet, mit wenig Kundenkontakt. „Ich hätte nicht gedacht, wie schwer das ist.“ Bis heute mangele es ihr an Konzentration. „Ich bin nicht mehr so belastbar“, gesteht Held. Aber irgendwann sei die Schonzeit eben rum. „Ich möchte ja arbeiten“, sagt sie. Im Moment sei ihr die Belastung im Beruf allerdings zu hoch. In solchen Fällen gebe es die Möglichkeit, eine Teilerwerbsminderungsrente zu beantragen, informiert Antje Göbel, Leiterin der Beratungsstelle, im PZ-Gespräch. Was kompliziert klingt, ist eigentlich ganz einfach: Der Betroffene reduziert seine Arbeitsstunden, die Rentenkasse schließt die finanzielle Lücke.

Es gibt aber auch positive Veränderungen. So habe Held endlich gelernt, abzuschalten. „Am besten geht das bei einem ausgedehnten Spaziergang in der Natur“, schwärmt sie. Überhaupt sei sie gelassener geworden. Auch im Privaten. Sie habe jemanden kennengelernt, erzählt sie und lächelt. „Ich bin ruhiger geworden und lege nicht jedes Wort auf die Goldwaage.“ Überhaupt habe sie Spaß am Leben – und wolle dieses noch lange genießen. „Mir geht es soweit gut“, sagt sie aus voller Überzeugung. Selbst den regelmäßigen Bluttests könne sie mittlerweile entspannter entgegenblicken. So oder so: Die Tür der Beratungsstelle steht ihr jederzeit offen.

Beratung bei Krebs

Die Psychosoziale Krebsberatungsstelle in der Kanzlerstraße 2-6 richtet sich mit ihrem Angebot an Betroffene und Angehörige. Es gibt Einzelgespräche und Gesprächsgruppen, Entspannungs- und Yogatreffs, psychologische Unterstützung zur Auseinandersetzung mit der Diagnose und bei Krisen sowie Beratung im rechtlichen Dschungel. Nach dem Weggang von Christa Midden-dorf leitet Psychoonkologin Antje Göbel nun die Beratungsstelle.

Diese ist telefonisch unter (0 72 31) 969-89 00 oder per E-Mail an info@kbs-pforzheim.de erreichbar. Sprechzeiten sind montags, donnerstags und freitags von 10 bis 13 Uhr sowie dienstags von 14 bis 18 Uhr. Weitere Informationen: www.kbs-pforzheim.de

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Anke Baumgärtel

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