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Vom Stau auf der Autobahn in die Staus in Pforzheim und im Enzkreis: Die PZ hat Redakteur Dennnis Krivec im November zum Selbstversuch geschickt. Er brauchte gute Nerven. Foto: Meyer, Archiv
Vom Stau auf der Autobahn in die Staus in Pforzheim und im Enzkreis: Die PZ hat Redakteur Dennnis Krivec im November zum Selbstversuch geschickt. Er brauchte gute Nerven. Foto: Meyer, Archiv
29.12.2017

Wie Autofahrer ticken oder austicken: Der Stau und der Stress

Enzkreis. Autobahnanschluss Pforzheim-West: Die Geschwindigkeit auf der A 8 ist freigegeben und die Autofahrer drücken auf die Tube. Obwohl die Ortskundigen von ihnen wissen, dass die große Freiheit bei Pforzheim-Nord endet. Die A 8 verengt sich danach auf zwei Spuren, Schilder geben Tempo 80 vor, ehe sich der Verkehr ins Enztal quält. Denn das große Runterbremsen hat Folgen. Es setzt sich wie in einer Kettenreaktion nach hinten fort – und fertig ist der Stau. Fast jeden Tag. Doch warum passen die Autofahrer ihr Verhalten der bekannten Situation nicht an? Weil sie im Inneren ihres Heiligen Blechles zunächst nur das eigene Fortkommen im Blick haben – und nicht die Verkehrssituation insgesamt. So beschreibt die Fahrlehrerin Miriam Kästner, wie Autofahrer ticken.

Sie erlebt im Berufsalltag, was die Autobahn in der Region bedeutet. „Die Frage ist nicht mehr, ob es Stau gibt, sondern nur, an welcher Stelle es stockt“, sagt sie. Und sie kennt die Folgen, wenn viele dem Ärger über die Straßen in der Stadt und den Enzkreis-Gemeinden entkommen wollen, die dann ihrerseits überfüllt sind: „Viele Fahrer kommen da mit einer Grundaggressivität an.“

Das zeigt sich dann an den Ampeln beispielsweise in extrem dichtem Auffahren. Fahrschülern würde sie als Faustregel mitgeben, so zu halten, dass die Stoßstange und ein Stück der Räder des Vordermanns noch zu sehen seien, so Kästner. Viele würden den anderen deutlich dichter auf die Pelle rücken. Dabei bringt das eher Nachteile. Der US-Amerikaner Tom Vanderbilt, Autor unter anderem eines Blogs mit dem Titel „Wie wir fahren“, vergleicht den Verkehr mit Ameisenvölkern. Während Menschen hinterm Steuer oft besonders egoistisch und eitel handeln würden, stimmten Ameisen ihre Bewegung in der Gruppe so perfekt aufeinander ab, dass alle zusammen schneller vorankommen.

Beim Auffahren Stoßstange an Stoßstange passiert das gerade nicht. Das hat eine Studie der US-Universität Virginia Tech gezeigt, die Anfang Dezember durch die Medien ging. Die Forscher stellten Ampelstaus mit unterschiedlichen Abständen nach. Im Extrem-Szenario ließen die Fahrer unglaubliche 15 Meter Luft zum Vordermann – und trotzdem schafften es genausoviele Fahrzeuge über die Ampel wie beim Warten Stoßstange an Stoßstange. Der Vorteil ordentlicher Abstände: Jedes Auto in der Schlange kann sich schneller in Bewegung setzen.

Das passt zu Erkenntnissen des Duisburger Stauforschers Professor Michael Schreckenberg, der gerne mit Verkehrsmythen aufräumt. Spurwechsel, um schneller durch den Stau zu kommen? Funktioniert nicht, weil alle zusammen weiter abgebremst würden. Es hilft, Staus zu umfahren? Von wegen, meint Schreckenberg. Außer bei Vollsperrungen sei das in der Regel nie so. Immerhin würden sich viele Autofahrer auch nicht von ihren Navis zu Umfahrungen verleiten lassen. Bei all dem sei immer der psychologische Faktor wichtig. Der sorge etwa für das Gefühl, dass die andere Spur immer besser vorankomme. Oder der Drang, lieber das Heft des Handelns in der Hand zu behalten, als den Stau abzuwarten.

Und das alles bei vielen mit mächtig viel Adrenalin im Blut. Fahrlehrerin Kästner sagt, der Verkehr spiegele die Leistungsgesellschaft wieder. Noch am Steuer seien Impulse des Wettbewerbs oder auch der Zeitdruck präsent. Hilft es, das Verhalten im Stau zu üben? Mit ihren Schülern weicht Miriam Kästner für Autobahnfahrten lieber auf Wochenend-Termine aus – damit die jungen Leute überhaupt zum Fahren kommen.