nach oben
24.12.2008

Wie Weihnachtsfreude in ein bosnisches Flüchtlingslager kommt

Der humanitäre „Hilfsdienst für Notleidende“ (HfN) aus Pforzheim hat in einer zweiwöchigen Paketaktion Weihnachtsfreude nach Bosnien-Herzegowina gebracht. Mit der christlich-humanitären Hilfsorganisation „Brot des Lebens“ aus Ulm konnten an über 5000 Kinder Geschenke verteilt werden. 1600 Familien bekamen Grundnahrungsmittel und 750 Familien gebrauchte Kleidung.

Dass diese Geschenke genau wie in den vergangenen sieben Jahren wieder nach Bosnien transportiert werden konnten, ist nicht selbstverständlich, wie das Straubenhardter Vorstandsmitglied des HfN, Karl-Heinz Weber zu berichten weiß: „Weil der HfN Mitte des Jahres einen LKW durch einen Unfall bei einem Hilfstransport in die Ukraine verloren hat, half die Spedition Benzinger aus Friolzheim aus und stellte kostenlos einen LKW zur Verfügung. Dank dieser Unterstützung, dem Einsatz vieler ehrenamtlicher Helfern vor und während der Verteilaktion und den großzügigen Spenden und Gebeten vieler Menschen konnten wir zwei 40-Tonner LKWs mit Hilfsgütern beladen und die Weihnachtspaketaktion erfolgreich durchführen. Dadurch konnten wir aktiv Hilfe leisten an Menschen, die ganz, ganz dringend Hilfe brauchen.“

Südöstlich des Majevicagebirges, nahe der Stadt Tuzla: Der Spendentransportkonvoi aus Deutschland bewegt sich langsam auf einer ansteigenden Straße das Flusstal entlang. Verlassene Häuserruinen schauen überall auf den Hügeln zwischen den Bäumen hervor. Dazwischen rot-weiße Minenwarnschilder. Traurige Denkmäler eines dramatischen Bürgerkrieges. Vereinzelt sind unverputzte Rohbauten zu sehen, Kleider an langen Wäscheleinen sind Zeugen, dass sich hier wieder menschlicher Alltag abspielt.

Der Weg macht eine plötzliche Biegung und gibt den Blick frei auf eine Reihe weißer Häuschen. In der Flüchtlingssiedlung Grabovac gleicht ein Haus dem anderen. Als die Hilfstransporter auf dem Platz vor dem Gemeinschaftshaus zum Stehen kommen, strömen hauptsächlich Frauen und Kindern herbei. Die wenigen Männer sehen alt und lebensmüde aus. Einer hat nur noch ein Bein, dafür aber zwei Krücken und muss aufpassen, dass er nicht auf der nassen, schwarzen Erde ausgleitet.

Die Begrüßung fällt bei den einen laut und erwartungsfroh aus, bei den anderen still und zurückhaltend. Eine junge Frau zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Trotz winterlicher Kälte hat sie ihre alte Jogginghose hochgekrempelt und kommt barfuss in den abgetretenen Latschen daher. Wie ein Mann schreitet sie aus, während sie ihre mit Heu hochbeladene Schubkarre vor sich herjongliert.

Hinter ihrem bescheidenen Häuschen befindet sich ein Kuhstall mit einer einzigen Kuh. Stolz schlägt sich Nadira auf die Brust, sie hat es zu etwas gebracht. In Zeiten einer weltweiten Wirtschaftskrise ist die Kuh eine unverzichtbare Quelle der Versorgung. Der eintönige Speisezettel kann durch sie aufgebessert werden und mit dem Verkauf einiger Milchprodukte auch die Haushaltskasse. Seit Nadira vor über zwölf Jahren vor paramilitärischen Einheiten aus Srebreniza fliehen musste, weiß die Mutter, dass ihr niemand etwas schenkt. Das ist in diesen Tagen, in denen die Lebensmittelpreise unaufhaltsam zu steigen scheinen und die Männer selbst in der Industriestadt Tuzla keine Arbeit finden, harte Realität.

Doch heute ist Weihnachten – für die Flüchtlinge eines sinnlosen Krieges. Als die ehrenamtlichen Helfer der humanitären Hilfsorganisationen Nadira den Lebensmittelkarton mit Grundnahrungsmitteln in ihre Schubkarre laden, ist ihre Freude unübersehbar. Sie lädt sie nach Hause ein und stöbert Fotos hervor, will ihre Freude von heute mit längst vergangenen glücklichen Tagen verbinden und sich mitteilen. So macht humanitäre Hilfe doppelt satt, vertreibt Hunger und Einsamkeit, gibt Menschen ein Stück Achtung und Würde zurück.

Dies wird am nächsten Tag auch in den Schulen im Distrikt Brcko deutlich. 5000 Weihnachtsgeschenke werden hier an alle Grundschulkinder verteilt. Die Kinder sind regelrecht aus dem Häuschen, als der blaue HfN-Sprinter und der weiße „Brot des Lebens“-Transporter auf die Schulhöfe rollen. „Packetici, Packetici“ wird begeistert gerufen. Die Lehrer rufen die Kinder zurück und mahnen zur Ordnung. Klassenweise dürfen sie vortreten, um ihr Päckchen persönlich in Empfang zu nehmen.

Dem Blick in die Klassenzimmer bieten sich zärtliche Gesten, horchen, schütteln, klopfen an bunt eingeschlagenen Glitzerpaketen. Ausgepackt werden dürfen sie meistens erst zu Hause. Deutschlehrer Slobodan Vujnic’ von der Grundschule Maoca nahe bei Brcko teilt die Freude mit seinen Schülern: „Die Kinder freuen sich sehr und sind begeistert und ich freue mich auch, dass Sie gekommen sind, denn diese Kinder sind nicht so reich.“ Christine Ratz