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Bei Maischberger: E rstmals nach dem Urteil vor einem halben Jahr erzählte Wörz im Fernsehen, was er sich von der Justiz erhofft.
21.04.2010

„Wird denn der Wörz-Fall nie aufgeklärt?“

Kuschelig sieht’s bei Sandra Maischberger aus, wenn sie Menschen in ihre ARD-Sendung einlädt. Auf gemütlichen Sofas nehmen die Leute Platz und reden über Mord und Totschlag. Die Fernsehjournalistin ist freilich gut, wenn die Fetzen fliegen – dann führt sie mit klugen Fragen Regie. Doch obwohl sie am Dienstagabend fast 40 ihrer 75 Minuten dem Fall Harry Wörz einräumte, schleppte sich das Gespräch über die versuchte Tötung der ehemaligen Ehefrau von Wörz und Schuld oder Unschuld des 43-jährigen Installateurs aus Birkenfeld lange mühsam dahin.

Verwunderte Blicke

Bildergalerie: Harry Wörz als Gast bei ARD-Show "Menschen bei Maischberger"

Das ist auch nicht verwunderlich. Seit 1998, als das Landgericht Karlsruhe Wörz zu elf Jahren Gefängnis verurteilte, wachsen die Aktenberge. 2005 und 2009 sprachen Kammern des Landgerichts Mannheim ihn frei – nachdem sich die Richter jeweils ein halbes Jahr mit Vorwürfen und Entlastungen beschäftigt hatten. Die zahlreichen Vorgänge, Zeugenaussagen und Gutachterdarstellungen, festgehalten in mehr als 15 Leitz-Ordnern, lassen sich eben nicht in etwas mehr als einer halben Stunde erzählen. Mehrmals blickte Sandra Maischberger denn auch verwundert in die Runde, wenn wieder mal ein neuer Gesichtspunkt ins Spiel kam.

Immerhin: Harry Wörz erzählte erstmals nach dem letzten, spektakulären Freispruch vor einem halben Jahr, wie es ihm zurzeit geht, was er erwartet, wenn nun einmal mehr der Bundesgerichtshof das Urteil unter die Lupe nimmt. Wie schon 2006, als der BGH den ersten Freispruch kippte, riefen die Staatsanwaltschaft Mannheim sowie der Pforzheimer Anwalt Michael Schilpp als Vertreter der Opfer-Familie erneut die höchste Instanz an. Wörz sagte bei Maischberger, dass ihm dieses Damoklesschwert schwer zu schaffen mache. „Wie viele Richter will denn die Justiz noch finden“, rief sein Verteidiger Hubert Gorka im Studio aus.

Schilpp, aus einem SWR-Studio in Stuttgart zugeschaltet, hielt dagegen, das Landgericht Mannheim habe „zwei Fehlurteile gefällt und mit dem jüngsten Freispruch den früher ebenfalls tatverdächtigen Polizisten Thomas H. quasi hingerichtet“. Die Strafrichter hielten in ihrem Urteil auf 15 Seiten fest, warum sie bei dem damals verheirateten Beamten Motive sahen, seine Geliebte zu töten. Der 51-jährige Polizist ist im Januar vom Dienst suspendiert worden, nachdem die Staatsanwaltschaft Karlsruhe gegen ihn zu ermitteln begann. Noch gibt es kein Ergebnis.

Erst am Ende des Sendeteils löste sich Sandra Maischberger vom Hin und Her des Prozessmarathons. „Haben Sie denn Kontakt zu ihrem Sohn, der die Tat als Zweijähriger erlebte und heute 15 ist?“, fragte die TV-Journalistin. „Nein“, sagte Wörz: „Es gibt drei Opfer, meine frühere Frau, meinen Sohn und mich.“ Er wolle seinen Sohn nicht zu Psychologen schleppen, um Besuchsrechte einzuklagen. Sein Kind wuchs bei den Eltern seiner Ex-Frau auf, die aber sehen in ihm den Täter. Andrea Z. ist seit der versuchten Erdrosselung schwerstbehindert und kann nicht mehr sprechen.

„Wird denn dieser Fall möglicherweise nie aufgeklärt?“, fragte Maischberger. Kurzes Schweigen in der Runde. Dann sagte die bekannte Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen: „Es ist theoretisch möglich, dass ein Kriminalfall ungelöst bleibt.“ Ralf Steinert