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Nervös: Harry Wörz (rechts) liest vor dem Prozessbeginn sichtlich angespannt noch einmal seine Unterlagen durch, während sein Verteidiger Ralf Neuhaus recht gelassen dem Auftakt des neuen Verfahrens entgegenblickt.
Nervös: Harry Wörz (rechts) liest vor dem Prozessbeginn sichtlich angespannt noch einmal seine Unterlagen durch, während sein Verteidiger Ralf Neuhaus recht gelassen dem Auftakt des neuen Verfahrens entgegenblickt.
23.04.2009

Wörz liest Antworten vor: "Mein Schwäbisch in Hochdeutsch übersetzt"

Die drei Juristen aus Japan, die zurzeit im Mannheimer Landgericht ein Praktikum machen, sitzen im Saal 1 weit vorne, um nichts zu verpassen. So eine komplizierte Kriminalgeschichte wie den Fall Harry Wörz gibt es auch in ihrem Gericht in Tokio nicht alle Tage.

Die Polizistin Andrea Z. wurde 1997 in Birkenfeld fast getötet. Sie überlebte, aber sie erlitt schwerste Hirnschäden. Sie kann nicht mehr sagen, wer es war. Ihr damaliger Ehemann Harry Wörz sieht sich als Justizopfer. Er saß im Knast, wurde freigesprochen und beteuert zwölf Jahre später im dritten Strafverfahren noch immer seine Unschuld.

Vor Gericht und auf hoher See bist du in Gottes Hand – an diesen Anwaltsspruch wird Wörz gedacht haben. Locker, bisweilen sogar mit Witz, erzählt er nur, wenn er über seine Jugendzeit, seine Ausbildung zum Installateur und zum Bauzeichner spricht. Kommt die Rede aber darauf, wo er zur Tatzeit war, wie sein Verhältnis zu seiner früheren Frau war, die sich damals von ihm getrennt hatte, wird Wörz vorsichtig.

Fragen in väterlichem Ton

Die Fragen, die der Vorsitzende Richter Rolf Glenz in väterlichem Ton stellt, mögen vielen Zuhörern im Saal harmlos erscheinen. Doch der Angeklagte aus Birkenfeld zögert mehrmals mit einer Antwort, er scheint immer eine Falle zu wittern. Meist liest Wörz von einem Blatt Papier ab.

Aber das Vorlesen ist seine Sache nicht. Oft verhaspelt er sich. Er ist sichtlich angespannt. Manche Sätze sind arg gedrechselt. Juristendeutsch eben. Wörz scheint denn auch zu ahnen, was ihn der Richter irgendwann fragen wird. Glenz hört lange zu, aber dann kommt die Frage: „Stammen die Sätze, die sie ablesen, eigentlich von Ihnen?“ Den Entwurf habe er selbst geschrieben, antwortet Wörz. Dann hätten seine Verteidiger Hubert Gorka und Ralf Neuhaus die Stellungnahme überarbeitet und Struktur reingebracht, räumt Wörz ein. „Sie haben mein Schwäbisch ins Hochdeutsche übersetzt, sonst hätten Sie mich gar nicht verstanden“, sagt Wörz.

Schimpfwörter über Polizisten hätten seine Anwälte rausgenommen. Der Pforzheimer Polizei wirft Wörz seit über einem Jahrzehnt einseitige Ermittlungen vor. Harry Wörz hat vor Gericht alle Höhen und Tiefen erlebt. Der Prozess kostet jedoch auch Andreas Familie viel Kraft. Die Eltern sind die Vormundschaft des Opfers. „Das neue Verfahren belastet den Vater und die Mutter erneut sehr stark“, sagt der Pforzheimer Rechtsanwalt Michael Schilpp, der als Nebenkläger die Interessen der Eltern vertritt.

Riesiges Wappen

Wörz hat kein gutes Gefühl, als er in den Saal 1 des Landgerichts geht. Und das liegt nicht etwa daran, dass der größte Raum des Betongebäudes nüchtern möbliert ist oder an den hohen kahlen Wänden. Oder flößt das übergroße Baden-Württemberg-Wappen, vor dem Richter Glenz den Strafprozess gegen den 42-jährigen Bauzeichner eröffnet, Respekt ein? „Ich bin total nervös“, gibt Wörz zu, als er einmal umständlich antwortet. „Sie können ganz beruhigt sein“, meint dagegen der erfahrene Richter Glenz.

Es gebe keine neuen Beweise, sagte Staatsanwalt Uwe Siegrist. Doch wie sieht es mit der Beweiskraft aus, wenn die Tat so lange zurückliegt? „Die Beweismittel sind nicht mehr zuverlässig“, sagt Wörz-Verteidiger Ralf Neuhaus. Kein Zeuge könne heute noch wissen, was er aus eigener Anschauung schildert. Der eine hat etwas gelesen, andere haben sich darüber unterhalten. Mit den Jahren falle es immer schwerer, Erlebtes von Gehörtem zu trennen. Wörz sagt am Ende des ersten Prozesstages zu seinen Richtern: „Bitte schützen Sie mich vor einer ungerechtfertigten Verurteilung.“ Ralf Steinert

Der Prozess wird am Dienstag, 28. April, um 9 Uhr im Landgericht Mannheim fortgesetzt.