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Bohrende Fragen:  Richter Rolf Glenz deckte hartnäckig Widersprüche bei Thomas H. auf.
Bohrende Fragen: Richter Rolf Glenz deckte hartnäckig Widersprüche bei Thomas H. auf.
12.05.2009

Wörz-Prozess: Ein Zeuge in der Zange

BIRKENFELD/MANNHEIM. Im Wörz-Prozess stand ein Mann im Kreuzfeuer, der 1997 auch verdächtigt worden war, Andrea Z. fast erdrosselt zu haben. Die Fragen des Gerichts deckten bei ihrem damaligen Liebhaber Widersprüche auf.

Die Zuhörer im Landgericht Mannheim erlebten am Dienstag eine Sternstunde der Justiz, so hartnäckig und präzise versuchten die Richter die Wahrheit in dem Kriminalfall Harry Wörz herauszufinden. Die Strafkammer ließ bei der fünfstündigen Befragung des Polizisten Thomas H. keine Lücken offen. Schließlich musste der Beamte zahlreiche Konflikte einräumen, die vor zwölf Jahren sein Leben zwischen der Familie in Pfinztal und der Geliebten in einem Pforzheimer Polizeirevier beherrschten.

„Ich habe ihr nichts getan“

Thomas H. stand wie Harry Wörz unter Verdacht, er habe am 29. April 1997 seine Geliebte Andrea Z. fast erdrosselt. Weil ihm aber seine Frau Daniela H. ein Alibi gab, kam er im Gegensatz zu Wörz bald wieder frei. Gestern stellte der Vorsitzende Richter Rolf Glenz dem Polizisten die Frage, auf die im Saal alle Zuhörer zu warten schienen: „Sind Sie damals in der Nacht noch zu Andrea Z. gefahren?“ „Ich habe ihr nichts angetan“, sagte der 50-Jährige. „Die Kammer wird zu prüfen haben, ob sie ihnen glauben kann“, sagte Richter Glenz, der den Polizisten gleich zweimal ausdrücklich darauf hinwies, er müsse nicht aussagen, wenn er befürchte, sich selbst zu belasten.

Thomas H. gestand allerdings die Zwickmühle ein, die ihn damals in den Tagen vor der Tat 1997 regelrecht lähmten. Er konnte sich nicht zwischen den zwei Frauen entscheiden. Er habe „je nach Situation“ keiner die Wahrheit erzählt, warf ihm Richter Glenz vor. „War ich bei meiner Ehefrau, zog es mich gleich zu Andrea, war ich bei Andrea, zog es mich wieder zur Familie“, erläuterte Thomas H. das Wechselbad der Gefühle.

Die Ehefrau ertrug schließlich das Hin und Her nicht mehr. Sie forderte eine Entscheidung. „Sie setzte Ihnen die Pistole auf die Brust“, so Richter Glenz. Der Kampf mit der wesentlich jüngeren Rivalin schien für sie verloren, als ihr Mann eine Reisetasche mit Kleidung packte und zur Geliebten fuhr. Nach zwei Tagen tauchte der Polizist allerdings schon wieder in der Ehewohnung auf und bat um Versöhnung. In der selben Nacht versuchte ein Täter, Andrea Z. in Birkenfeld zu töten.

Dass Andrea Z. das Aus einer Beziehung, in die sie viel Kraft gesteckt hatte, ohne Widerspruch hinnahm, wie Thomas H. sagte, wollte das Gericht nicht glauben. „Das geht über meine Vorstellungskraft hinaus“, sagte Richterin Beck. „Sind Sie vielleicht doch noch zu ihr gefahren, um sie zu beschwichtigen?“, hakte die Richterin nach. Thomas H. blieb jedoch dabei, er habe am Abend, sechs Stunden vor der Tat, mit seiner Freundin nur telefoniert und sich in dem 36-minütigen Gespräch vorwiegend über die Bedienung des Videorecorders unterhalten.

Zweifel der Richter

Oder hat Thomas H. mit seiner Geliebten darüber gesprochen, wie ihre Beziehung weitergeht? Vielleicht habe er auch seine Ehefrau angelogen, mutmaßte das Gericht. Seiner Frau stellte Thomas H. das Telefongespräch anders dar: Er habe der Freundin gesagt, dass er zur Familie zurück gehe. Das Gericht nahm dem Polizisten auch die Aussage nicht ab, es habe nie Krach mit der Geliebten gegeben. „In ihren Tagebüchern schildert das Andrea Z. ganz anders“, sagte die Richterin. Der Polizistin habe es „eklig wehgetan“, dass ihr Freund weiter regelmäßig Sex mit seiner Ehefrau hatte. „Wie kann er das tun“, vertraute die Polizistin, damals 26 Jahre, ihrem Tagebuch an. Sie überlebte die Drosselung mit einem Wollschal, ist seither aber schwerst hirngeschädigt.