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Eine Tüte, vier Versionen:  Dieses Beweisstück stiftet Verwirrung.
Eine Tüte, vier Versionen: Dieses Beweisstück stiftet Verwirrung.
„Eingeengter Blick“  bei der Kriminalpolizei? Für Richter Rolf Glenz stellt sich das im Fall Wörz immer wieder so dar.
„Eingeengter Blick“ bei der Kriminalpolizei? Für Richter Rolf Glenz stellt sich das im Fall Wörz immer wieder so dar.
14.07.2009

Wörz-Prozess: Kripo in der Täterfrage zu früh überzeugt?

BIRKENFELD/MANNHEIM. „Die Beweislage gegen Harry Wörz war dünn“, hat am Dienstag im Prozess vor dem Landgericht Mannheim ein Polizei-Ermittler eingeräumt. Der Kriminalpolizist war bei fast allen Vernehmungen dabei.

Die Kripo sei dennoch überzeugt gewesen, dass Wörz am 29. April 1997 in Birkenfeld versucht habe, seine Ex-Frau Andrea Z. zu töten. Hat Wörz aber in den Vernehmungen Täterwissen offenbart, als er mit den Kripobeamten sprach? Als der damals 30-jährige Gräfenhausener ihnen sagte, in der Wohnung habe es ein Geschrei gegeben, war das für den 56-jährigen Ermittler „eine Sensation. Denn das konnte nur dem Täter bekannt sein“, so der Kripomann.

Das sah die Strafkammer allerdings ganz anders. „Da ist doch der Samen aufgegangen, den man vorher gesät hat“, warf Richterin Petra Beck der Polizei vor. Die Kripo selber habe Wörz erzählt, am Tatort sei eine Auseinandersetzung eskaliert. Und der Ermittler gestand zu, dass damit auch nur ein „lautstarker und handfester Streit“ gemeint sein könne. War der Blick bei den vernehmenden Beamten „möglicherweise eingeengt“, hakte der Vorsitzende Richter Rolf Glenz nach, weil ein Nachbar den nächtlichen Streit gehört hatte? „Ich bring’ dich um, ich schlag’ dich tot“, schrie der Täter demnach die damals 26-jährige Polizistin an, bevor er sie mit einem Wollschal zu erdrosseln versuchte.

Wörz wollte nach der Festnahme auch einmal wissen, wie es seiner früheren Frau geht. Die Kripo verweigerte ihm die Antwort, der Ermittler warf ihm jedoch vor, er habe „sich vertrösten lassen“. „Ist es aber nicht verständlich, dass er überlegte, wie er wieder aus dem Gefängnis kommt?“, wenn die Polizei ihm einen Vorhalt nach dem anderen mache, fragte Glenz den Beamten. „Wohl alle hier im Gerichtssaal würden sich in einer solchen Situation wünschen, dass sie so schnell wie möglich wieder rauskommen“, gab der Beamte denn auch zu.

„Da wird in den Vernehmungen etwas angeschoben, was ihm dann später zur Last gelegt wird“, sagte Richterin Beck. „Durchaus möglich“, räumte der Polizist ein.

Dass er eine weitere Version erzählte, wie die Kripo am Tatort auf die Plastiktüte mit Drogenpäckchen, Tüchern und Vinylhandschuhen stieß, die sie dann Harry Wörz zuschrieb, nahm die Richterin mit beißender Ironie auf: „Sonderbar, das haben wir ja noch gar nicht gehört.“ Im Verlauf des Strafprozesses haben Polizisten dem Gericht den Fund der Tüte nun schon in vier unterschiedlichen Darstellungen erklärt.

Entlastender Brief schon alt

Dass die Richter indes akribisch die Vorgänge aufklären wollen, zeigten sie gestern auch bei dem Brief, in dem Andrea Z. ihrem früheren Mann schrieb, sie stimme einem gemeinsamen Sorgerecht für das Kind zu. Hätte sie das unmittelbar vor der Tat geschrieben, hätte Wörz kein Motiv gehabt, mit seiner Ex-Frau über die Betreuung des zweijährigen Sohnes zu streiten, wie das die Polizei annahm. Da im Brief kein Datum stand und auch Wörz nicht wusste, wann Andrea Z. das verfasst hatte, forschte das Gericht nach. „Uns fällt es leicht, das einzuordnen“, sagte Glenz. Wie sich aus den Aufzeichnungen ergebe, die Wörz in seinen Computer eingab, müsse dieser Brief schon Mitte April 1996 und damit ein Jahr vor der Tat geschrieben worden sein.

Der Wörz-Prozess im Landgericht Mannheim wird am Dienstag, 21. Juli, um 9 Uhr fortgesetzt.