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Ein kleines Stück Kunststoff  mit großer Bedeutung: Dieser ab- gerissene Fingerling eines Einweghandschuhs wurde am Tatort  gefunden und Harry Wörz zugeschrieben.
Ein kleines Stück Kunststoff mit großer Bedeutung: Dieser ab- gerissene Fingerling eines Einweghandschuhs wurde am Tatort gefunden und Harry Wörz zugeschrieben. © PZ-Archiv
07.05.2009

Wörz-Prozess: Spurenermittler waren sich uneinig

BIRKENFELD/MANNHEIM. Die beiden führenden Kriminaltechniker der Pforzheimer Polizei haben sich im Fall Harry Wörz überworfen, als sie vor zwölf Jahren Spuren in der Birkenfelder Wohnung sicherten, in der ihre Polizeikollegin Andrea Z. fast getötet worden wäre.

Der Vater, der damals seine Tochter mit einem mehrfach um den Hals geknoteten Schal fand, habe ausdrücklich den Inhalt einer verdächtigen Plastiktüte für Putzsachen seiner Frau gehalten, sagte gestern der frühere Leiter der Kriminaltechnik im Landgericht Mannheim. Einen Tag später habe ihm sein Stellvertreter vorgeworfen, diese Tüte sei als wichtiges Beweismaterial vergessen worden.

Inhalt als Putzsachen deklariert

Das wollte der Chef der Spurenermittler nicht auf sich sitzen lassen. „Das Stofftuch, die Einweghandschuhe und eine Zigarettenschachtel in der Plastiktüte hielt der Vater für Sachen seiner Ehefrau, die im Haushalt der Tochter putze“, sagte er. Deshalb stellte er die Tüte wieder hin, für ihn war die Untersuchung damit erledigt. „Leider“, bedauert er heute.

Denn die Kriminalpolizei ordnete das Tuch, die Latexhandschuhe und die Marlboro-Packungen sowie mehrere Drogenpäckchen in der Plastiktüte dem Birkenfelder Harry Wörz zu, den sie am Tattag (29. April 1997) festgenommen hatte. „Der Vater hat sogar eine Zigarettenschachtel in die Hand genommen und mir gesagt, die sei von seiner Frau“, so der Leiter der Spurensicherung.

Der erfahrene Kriminaltechniker hält es auch „für ausgeschlossen“, dass er den Inhalt der Plastiktüte im Flur der Tatwohnung ausgebreitet habe, wie das Polizeikollegen angegeben hätten. Der Vorwurf, er habe schlecht gearbeitet, ärgert ihn noch immer: „Ich hätte die Sachen niemals dort ausgeleert.“ Denn der Flur war Tatgebiet.

Der Kriminaltechniker sicherte dort den Wollschal, mit dem der Täter die Polizistin gedrosselt hatte. Er nahm den abgerissenen Fingerling eines Einweghandschuhs mit, den die Ermittler dann Harry Wörz zuschrieben. Auch im Schlafzimmer, in dem der Täter seinen Angriff offensichtlich gestartet hatte, sicherte der Kriminaltechniker zahlreiche Spuren, so einen weiteren Fingerling unter der Bettdecke. Eigentlich wollte der Spurenexperte der Polizei noch den Mülleimer in der Küche unter die Lupe nehmen. „Als ich erneut kam, war der Eimer aber geleert worden“, sagte der ehemalige Polizist, „ich weiß nicht von wem.“ Der Inhalt fand sich in der Mülltonne vor dem Haus. Oft seien an Kollegen „nur halbfertige Tatorte“ übergeben worden, hatte im Wiederaufnahmeverfahren 2005 der Stellvertreter des Chefs der Spurensicherung kritisiert.

Der Prozess wird heute um 9 Uhr im Landgericht Mannheim fortgesetzt.