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Bundesweit ist 2011 die Zahl der Verkehrstoten von 2010 auf 2011 um zehn Prozent gestiegen. Die Ausnahmen: In den Bereichen der Polizeidirektionen Pforzheim und Calw gab es einen deutlichen Rückgang bei den Verkehrstoten.
Bundesweit ist 2011 die Zahl der Verkehrstoten von 2010 auf 2011 um zehn Prozent gestiegen. Die Ausnahmen: In den Bereichen der Polizeidirektionen Pforzheim und Calw gab es einen deutlichen Rückgang bei den Verkehrstoten. © dpa
06.07.2012

Zehn Prozent mehr Verkehrstote - außer in Region

Erstmals seit 20 Jahren ist die Zahl der Verkehrstoten bundesweit wieder gestiegen. 2011 kamen auf deutschen Straßen 4009 Menschen ums Leben, fast zehn Prozent mehr als 2010. Das sind im Schnitt elf Menschen pro Tag, die im Straßenverkehr ihr Leben gelassen haben. Aber: In Pforzheim, im Enzkreis und im Landkreis Calw sieht die Bilanz ganz anders aus. Hier gab es 2011 deutlich weniger Verkehrstote als im Jahr zuvor.

Statistiken bieten zwar immer einen Durchschnittswert, doch die Verteilungen der einzelnen Punkte im Plus- und Minus-Bereich können weit auseinanderklaffen. So sieht es auch bei der Bilanz der tödlichen Verkehrsunfälle aus. Ganz besonders krass ist der Unterschied bei den Unfalltoten im Bereich der Polizeidirektion Pforzheim. Nach zwölf Toten in 2010 sank die Zahl der tödlich Verunglückten 2011 auf sieben. Erhöhter Kontrolldruck? Verstärkte Aufklärung und Vorbeugung? Oder einfach nur Zufall? Eine eindeutige Erklärung für diesen krassen Rückgang entgegen dem bundesweiten Trend gibt es nicht.

Im Bereich der Polizeidirektion Calw gab es 2011 sechs Verkehrstote, im Jahr davor waren es acht. Das Zehnjahresmittel bei den im Straßenverkehr Getöteten liegt bei zwölf. In absoluten Zahlen sind es nur zwei Verkehrstote weniger - prozentual sind das jedoch 25 Prozent minus. Das sieht schon anders aus als das zehnprozentige Plus im bundesdeutschen Durchschnitt.

Bundesweit starben die meisten Opfer (fast 61 Prozent) auf Landstraßen. Auch die Zahl der Verletzten erhöhte sich: Es gab gut zehn Prozent mehr Schwerverletzte und fast fünf Prozent mehr Leichtverletzte. In diesem Punkt stimmen die Pforzheimer Werte überein. So gab es 2011 mehr Verletzte (1260) als 2010 (1105). Im Landkreis Calw allerdings gab es im Vergleichszeitraum weniger Schwer- und Leichtverletzte.

Als mögliche Ursache für den starken Anstieg der Verkehrstoten in Deutschland nennt Statistische Bundesamt in Wiesbaden das Wetter: 2011 war der Winter mild, das Frühjahr trocken, der Sommer verregnet und der Herbst sonnig. Bei solchen Verhältnissen wird erfahrungsgemäß mehr und schneller gefahren - im Jahr zuvor hatte es einen langen Winter mit viel Schnee und Eis gegeben. Die Zahl der Verkehrstoten hatte ein Rekordtief erreicht.

Bei schönem Wetter sind auch mehr Fußgänger und Motorradfahrer unterwegs als sonst. Das könnte ein Grund dafür sein, dass die Zahl der tödlich verunglückten Fußgänger um 29 Prozent auf 614 und die der Motorradfahrer und -beifahrer um 11,5 Prozent auf 708 stieg.

Möglicherweise hängt damit auch die häufigste Ursache für schwere Unfälle zusammen: An erster Stelle standen nämlich diesmal Manöver wie Abbiegen, Wenden oder Rückwärtsfahren, gefolgt von der Missachtung der Vorfahrt. Zu schnelles Fahren stand 2011 jedenfalls erst an dritter Stelle der Ursachenstatistik.

Sorgenkinder bleiben die jungen Fahrer. Vier der sieben Getöteten im Jahr 2011 im Bereich der Polizeidirektion Pforzheim gehören laut Stefan Hammer, Leiter des polizeilichen Führungs- und Einsatzstabs, zur Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen. Obwohl sie nur acht Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, waren jeweils ein Fünftel der Leicht- und der Schwerverletzten junge Menschen. Häufig waren Raserei und Alkohol die Ursache. Nicht anders ist es im Landkreis Calw gewesen. Von den sechs im Straßenverkehr tödlich verunglückten Opfern waren drei dem Kreis der jungen Fahrer zuzuschreiben.

Trotz der Entwicklung 2011 sei der Langzeit-Trend sinkender Unfallopferzahlen nicht gebrochen, meinen Statistiker und Verkehrsexperten. Schon im Frühjahr dieses Jahres gab es bundesweit wieder einen Rückgang.

Langfristig werde die Zahl der Unfalltoten weiter deutlich sinken, heißt es in einer Prognose der Bundesanstalt für Straßenwesen. Demnach werde es 2020 noch 2500 Verkehrstote in Deutschland geben. Der Auto Club Europa (ACE) sieht einen Rückgang vor allem in den Städten voraus: Dort werde der motorisierte Individualverkehr langsamer werden, mehr Ältere werden am Steuer sitzen, sagte ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner. «Wir werden die Langsamkeit neu entdecken.» Schon die hohe Fahrzeugdichte werde dazu führen, dass das Tempo und damit auch die Zahl der schweren Unfälle sinkt.

Handlungsbedarf sieht der ACE aber bei der Sicherheit, etwa bei Multimedia in den Autos. «Muss Adresseneingabe während der Fahrt sein?» fragte Hillgärtner. Von der Politik fordert der ACE mehr Investitionen in intelligente Infrastruktur. Da dürfe nicht gespart werden.