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Die Haut als Tagebuch: Neue Tattoos sind sehr persönlich. Foto: dpa © dpa
05.09.2011

Haut als Tagebuch: Neue Tattoos sind sehr persönlich

Das Standard-Tattoo aus dem Katalog ist out. Heute erzählen die Menschen auf ihrem Körper Geschichten aus dem eigenen Leben. Ist die Haut das neue Tagebuch?

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Werder Bremens Torwart Tim Wiese hat sich ein Aktbild seiner Frau stechen lassen. Die Modedesigner Umit Benan und Alistair Carr führen auf ihrem Körper eine Art Tagebuch. Und auch weniger exponierte Menschen tragen die Initialen der Eltern oder die Geburtsdaten der Kinder. Einst Ausdruck von Rebellion, dann Modeschmuck, sind die neuen Tätowierungen sehr persönliche Statements.

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Wenn Umit Benan sein Hemd auszieht, kann man schon eine ganze Menge über ihn erfahren. Das englische Magazin «i-D» durfte den türkischen Designer einmal auf dieser Reise durch sein Leben begleiten: «Dieses Bild stellt meinen Vater dar. Hier trage ich seine Unterschrift und dort seinen Geburtsort. Das Datum “13.01.09” steht für den Tag, an dem ich das erste Mal eine eigene Kollektion vorgestellt habe.» So reiht sich Eintrag an Eintrag, tätowiert auf den Körper des in Stuttgart geborenen Benan, der seit diesem Jahr für das italienische Modehaus Trussardi entwirft.

Branchenwechsel. Reißt sich der für Borussia Mönchengladbach stürmende Argentinier Raul Bobadilla beim Torjubel das Trikot vom Leib, blicken die auf seiner Brust als Porträt verewigten Eltern mit ihm in die Fankurve. Dezenter, aber sehr patriotisch, ziert die Dortmunder Skyline eine Wade von Kevin Großkreutz, einem Spieler des amtierenden deutschen Meisters. Und bei manchem Fußballer ist längst nicht mehr klar erkennbar, wo genau das Trikot aufhört und der nackte Unterarm anfängt. So viel Ornamentik ist darauf zu sehen.

Immer persönlicher und immer großflächiger werden die Tätowierungen, so der Eindruck. Eine Einschätzung, die der Leipziger Trendforscher Sven Gábor Jánszky teilt. Er gehört zu den Autoren der 2009 veröffentlichten Studie «Körper & Geist 2020 - wie wir uns selbst gestalten» und sagt: «Bei den neuen Tattoos geht es nicht mehr um Mode, sondern um einen tieferen Sinn. Wir nennen das Identitätsmanagement: Ich nutze meinen eigenen Körper, um meinem Umfeld zu zeigen, wer ich bin.»

Tätowierungen sind so alt wie die Menschheit. Schon bei der über 5000 Jahre alten Gletschermumie Ötzi wurden sie entdeckt. In der neueren Zeit arbeiteten sich Tattoos aus dem Verruchten der Halbwelt immer mehr in die Mitte der Gesellschaft vor. Einer der Höhepunkte dieser Entwicklung war das «Arschgeweih» genannte Steißornament. Seinen Siegeszug trat es in den 1990er-Jahren an, weil ein Modetrend aus Hüfthose und bauchfreiem Oberteil einen Platz schuf, der kreativ bespielt werden wollte.

Gerade unter den Modemachern ist die individuelle Körperbebilderung derzeit besonders populär. Der Amerikaner Marc Jacobs zum Beispiel trägt bereits mehr als 30 Motive. Darunter eine Schokolinse und ein Sofa. Vielleicht ist das nicht besonders tiefsinnig, aber zumindest sehr originell.

Alistair Carr, Kreativdirektor der britischen Traditionsmarke Pringle of Scotland, würdigt jedes persönliche Schlüsselerlebnis mit einer neuen Tätowierung. Eines Tages soll sein ganzer Körper bedeckt sein, außer Gesicht und Hände. Warum er das macht? «Tattoos sind das einzige, was ich am Ende meines Lebens mitnehmen kann.» Ein Wunsch, den allerdings nicht jeder teilt. «Wir verzeichnen in den letzten beiden Jahren eine Zuwachsrate von 50 Prozent bei den Anfragen nach einer Tattoo-Entfernung», weist Nikolaus Seeber, Vizepräsident der Deutschen Dermatologischen Lasergesellschaft (DDL), auf einen Gegentrend hin. «Motive wie das Steißornament kommen irgendwann aus der Mode. Und die Namen inzwischen ehemaliger Lebenspartner sollen aus verständlichen Gründen verschwinden», zählt der Hamburger Hautarzt die am häufigsten zu löschenden Körpereinträge auf.

Ob die sehr persönlichen Tätowierungen länger geliebt werden, hängt wohl auch davon ab, wie sichtbar sie platziert sind. Denn was in sehr liberalen Branchen wie Mode, Musik oder Profisport akzeptiert wird, stößt in einer Bank oder in einer Behörde unangenehm auf. Ein Foto der Liebsten auf dem Schreibtisch statt auf dem Unterarm mag vielleicht die altmodische Variante sein, manchmal ist es aber auch die klügere Lösung. dpa