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10.04.2008

„Ich war wie gelähmt“

BERLIN. Anastasia traf es mit voller Wucht. Als die 15-Jährige von der Schule nach Hause kam, lag ihre Mutter tot im Wohnzimmer. Sie war beim Staubsaugen zusammengebrochen, weil ein Blutgerinnsel im Gehirn geplatzt war.

„Ich habe sie als erste gefunden - und erst einmal nur geschrien“, erinnert sich Anastasia an den Donnerstag vor rund zwei Jahren. „Dann habe ich tagelang nur geweint und war schließlich Ewigkeiten wie gelähmt – ich konnte nicht fassen, dass meine Mutter plötzlich nicht mehr da war.“

So wie Anastasia müssen jedes Jahr Tausende Jugendliche mit dem plötzlichen Tod ihrer Eltern oder eines guten Freundes fertig werden. Während sie auf das Sterben der Oma oder des schwer kranken Onkels vorbereitet sind, spielt der Tod im engeren Familien- oder Freundeskreis für die meisten bis dahin keine Rolle.

„Das Schlimmste daran ist für viele, dass sie sich nicht von der geliebten Person verabschieden konnten“, erklärt Ulrike Leonhartsberger von der Kriseneinrichtung für Kinder und Jugendliche „Die Boje“ in Wien. „Oft bleibt das Gefühl, wichtige Dinge nicht gesagt oder miteinander erlebt zu haben.“

Dabei kommen der Psychotherapeutin zufolge auch Schuldgefühle hoch, vor allem wegen nicht beigelegter Konflikte. So machen sich manche Vorwürfe, dass sie sich so häufig mit ihrem Vater oder der Mutter gestritten haben oder pampig waren. „Das ist eine ganz natürliche Reaktion“, beruhigt der Jugendpsychiater Oliver Bilke aus Berlin. „Das gehört zur Trauerzeit dazu.“

Andere sind verwirrt, ob ihr Trauern richtig und angemessen ist. „Sie sind verunsichert durch verschiedene, teils widersprüchliche Gefühle“, erklärt Leonhartsberger. Bei der Trauer gibt es aber kein richtig oder falsch. Wenn beispielsweise nach dem Tod des Vaters die Mutter die ganze Zeit weint und man selber eher still ist, heißt das nicht, dass man selber nicht auch unter dem Verlust leidet. Niemand müsse sich schlecht fühlen, weil er anders trauert.

Das gleiche gilt für Beerdigungen und die anschließenden Trauerfeiern. Sie sind vielen ein Grauen. „Das ist aber ein wichtiges Abschiedsritual“, findet Bilke. „Schließlich kommen da viele Freunde und Familienmitglieder hin, das gibt einem die Sicherheit, dass man nicht alleine ist.“ Außerdem sei es hilfreich, sich gemeinsam mit anderen an den Toten zu erinnern. Weinen, Reden und Trauern ist anstrengend. Selbst wer einen guten Freund, seine Eltern oder Geschwister verloren hat, sehnt sich meist irgendwann nach dem alten Leben zurück. „Oft wollen sie unmittelbar nach dem Ereignis ein Stück normalen Alltag mit Schule und Freunden erleben“, sagt Leonhartsberger. „Das Gewohnte bringt in dieser Situation Halt und Sicherheit.“

Bei Anastasia war das ähnlich: „Meine beste Freundin hat mir sehr geholfen“, erinnert sie sich. „Sie hat nicht immer nur über den Tod meiner Mutter gesprochen, sondern mit mir Hausaufgaben gemacht und war mit mir im Kino oder einkaufen – und immer für mich da.“ So etwas lenkt nicht nur ab, weiß Bilke. „Es gibt einem auch Sicherheit, weil man erkennt, dass zwar ein geliebter Mensch tot ist, die restliche Umgebung aus Familie und Freunden aber bleibt – das hilft bei der Verarbeitung des Todes.“