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01.09.2014

Vietnamesen haben Hunde nicht mehr nur zum Essen gern

Hanoi (dpa) - Pudel Bean ist außer Rand und Band. Auf einer Wiese tollt der Vierbeiner ausgelassen mit einigen Artgenossen - ein Pitbull-Mischling ist dabei, ein Dobermann und auch Huskys. Ein paar Meter weiter entspannt sich Herrchen Son an diesem Sommertag in Vietnams Hauptstadt Hanoi. „Viele Leute kommen mit ihren Hunden hierher“, sagt der 22 Jahre alte Busfahrer. „Nachmittags ist es kühl. Und Bean schwimmt gerne im Teich.“

Etwa 56 Euro hat Son für seinen Pudel bezahlt - nicht viel für einen reinrassigen Hund, fachsimpelt der Hundehalter. Die laufenden Kosten seien gering - bis auf gelegentlichen Kaufrausch. „Für seine Pflege gebe ich etwa 18 Euro aus.“ Son liegt im Trend: Immer mehr Vietnamesen legen sich ein Haustier zu. Die Haustierindustrie boomt.

Die erste Tierhandlung eröffnete 2006 in Ho-Chi-Minh-Stadt, heute gibt es dort etwa 50, in der Hauptstadt sind es Dutzende, sagt der Marketing-Experte für Haustiere, Wayne Capriotto. „Viele Leute halten Hunde, um mit ihnen anzugeben. Das ist Teil der neuen Wohlstandsgesellschaft.“ Aber auch als Begleiter würden die Vierbeiner geschätzt.

Die zunehmende Vermenschlichung von Haustieren, steigende Einkommen und der soziale Status, den der Besitz eines Haustiers nach westlicher Manier mit sich bringe - das seien Gründe, warum immer mehr Vietnamesen Hund oder Katze als Haustiere hielten. Damit steige auch die Nachfrage nach Utensilien und Dienstleistungen.

Der 34 Jahre alte Texaner Ricky Forester macht sich diesen Trend zunutze: Vor zwei Jahren gründete er in Hanoi ein Trainingszentrum für Hunde. Wegen der großen Nachfrage musste er schon zweimal in größere Geschäftsräume umziehen. Die Gesellschaft habe sich verändert: „Es gibt immer mehr Hundeliebhaber.“ Die Tiere würden nicht mehr nur in Käfige gesperrt oder an Ketten gehalten.

Doch diese neue Hundeliebe steht im Widerspruch zum Speiseplan vieler Vietnamesen. Denn in dem südostasiatischen Land gilt Hundefleisch als Delikatesse. Etwa fünf Millionen Tiere werden laut Allianz zum Schutz von Hunden in Asien (ACPA) jedes Jahr für den Handel geschlachtet.

Häufig werden sie aus Dörfern gestohlen. Weil die Strafen dafür nach Ansicht vieler Dorfbewohner zu lasch sind, griffen sie in der Vergangenheit immer wieder zur Selbstjustiz: Medien zufolge wurden im vergangenen Jahr mindestens 20 Hundediebe totgeprügelt.

In der Öffentlichkeit wird das Image der Hundefleischindustrie immer schlechter, sagt Le Duc Chinh von der ACPA. Das hänge mit der grausamen Art zusammen, wie die Tiere getötet werden. Häufig werden sie totgeschlagen: Das dabei freigesetzte Adrenalin macht angeblich das Fleisch besser.

Auf der On-Phung-Hung-Straße in Hanoi geben die Frauen an den Hundefleisch-Ständen nicht so gerne Auskunft. Eine Budenbesitzerin sagt, sie kaufe für ihr Fleisch Hunde aus ihrem Dorf und töte sie selbst. „Die meisten meiner Kunden sind Restaurantbesitzer, die Hundefleisch anbieten“, sagt sie. „Man kann Würste machen, das Fleisch in Zitronengras marinieren oder als Kebab essen.“ Wie sie die Tiere tötet, mag sie nicht verraten.

Hunde-Trainer Forester sagt, wegen des Geschmacks sei Fleisch mit Adrenalin gefragt. Es gebe verschiedene Möglichkeiten, die Hunde zu töten: in einem Sack totschlagen, mit Elektroschockern malträtieren oder mit einem Messer ausbluten lassen. Doch sobald Menschen eine Bindung zu einem Tier aufgebaut hätten, werde es schwerer, das Tier zu töten. Doch er ergänzt: „Ich bin auf Bauernhöfen aufgewachsen und habe unsere Ziegen geliebt. Aber sie waren auch sehr lecker.“

Es scheint so, als sei vielen Vietnamesen der Appetit auf Hundefleisch vergangen. Laut einer Umfrage im April in der Zeitung „Thanh Nien“ sind knapp 54 Prozent gegen den Verzehr. Aber eben nicht alle: Hundebesitzer Son wuschelt die Ohren seines Pudels Bean und gibt zu, dass er auch ab und zu Hund esse. „Aber nicht jeden Tag.“