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Die Coolness des Wanderns liegt in seiner Unprätentiösität
Die Coolness des Wanderns liegt in seiner Unprätentiösität
26.07.2017

Zwischen Trend und Tradition: Der Boom des Wanderurlaubs

Nicht nur Deutschlands Spitzenpolitiker verbringen ihre freien Tage mit reichlich Bewegung mitten in der freien Natur - Wandern erfreut sich 2017 großer Beliebtheit und liegt absolut im Trend. Das angestaubte Image gehört längst der Vergangenheit an.

Beim dem Begriff Wandern kommen einem nicht automatisch Assoziationen zu Männern und Frauen jenseits der 60, die mit unmodischer Trekkingkleidung durch die Tiefen des Bayrischen Waldes stapfen. Wandern ist auch der Sport der Jungen und Dynamischen. Die Freizeitaktivität der gestressten Großstädter. Und die zieht es immer mehr in die Natur. Von dem neuen Wanderboom profitieren so auch vergessene, strukturschwache Landstriche. Zwischen Nordsee und den Alpen boomt der Wandertourismus. Doch nicht nur da, Wandern ist ein globales Phänomen und neben den Destinationen für einen Wanderurlaub profitieren auch die Hersteller von Wanderbekleidung- und Accessoires. Doch das Schöne am Wandern ist, dass all dieser Schnick-Schnack nicht zwingend benötigt wird. Egal wie viel das Portemonnaie hergibt, Wandern kann, und vor allem darf, jeder.

Raus aus der Stadt, rein ins Grüne

Fortschreitende Technisierung, ständige Erreichbarkeit und erhöhter Jobdruck - zu den Anforderungen, die moderne Gesellschaften an das Individuum stellen, bedarf es einem Gegenpol. Wandern fungiert daher als so eine Art Antithese des stressigen Alltags: der Mensch bewegt sich fernab von überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln und Einkaufspassagen. Kein Wunder, dass vor allem junge Großstädter vermehrt das Wandern für sich entdecken und für ein paar Stunden oder direkt ein paar Tage nicht nur den Kopf, sondern auch mal das Smartphone ausschalten. Bei dem Wanderboom lassen sich durchaus auch Parallelen zu einer fortschreitenden Stadtflucht erkennen. Immer mehr Menschen haben die Hektik der Großstadt satt und ziehen auf's Land. Für alle, denen der Schritt jedoch zu groß ist, die können mit dem Wandern zumindest kurzzeitig ausbrechen - eine Art Stadtflucht light.

Ein Sport für jedermann

Egal ob Philosophie-Student, Bankkauffrau oder Aushilfe beim Discounter - sind erstmal die überwiegend braunen und grünen Wanderklamotten, die es mittlerweile auch bei letzterem zu kaufen gibt, sind alle gleich. Das am Windbreaker angebrachte Emblem mag vielleicht weitere Aufschlüsse über Lifestyle und Einkommensverhältnisse geben, aber grundsätzlich kann jeder, der sich einigermaßen seiner körperlichen Gesundheit erfreut, wandern. Zum Ausüben anderer Sportarten wie Tennis, Golf oder Skifahren bedarf es zunächst teurer Ausrüstungen. Zum Wandern jedoch reicht ein festes Paar Schuhe - beim Barfußwandern werden nicht mal die benötigt. Selbstverständlich hat sich mit dem Wanderboom auch ein riesiger Markt entwickelt und es wird ein Leichtes sein im Fachgeschäft hohe Summen für Bekleidung und Accessoires auszugeben, aber die Eingangsvoraussetzungen sind quasi nicht vorhanden. Denn: wie viel Geld er für seine Ausrüstung ausgeben möchte, hat jeder noch ein stückweit selbst in der Hand und Wanderwege gibt es nahezu überall - es muss ja nicht gleich der Jakobsweg sein.

Wandern fördert die Gesundheit

Laut einer Studie des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) aus dem Jahre 2016 hat Wandern einen positiven Effekt auf das körperliche und geistige Wohlbefinden und die Lebensqualität im Allgemeinen. Was die meisten Bergsportler sicherlich ohne zu Zögern bestätigen würden, basiert also auf wissenschaftlich relevanten Ergebnissen. Bisher war die Korrelationen zwischen Bergsport und gesundheitsfördernden Auswirkung kaum erforscht und tauchte in wissenschaftlichen Publikationen nur am Rande auf. Die Studie hat gezeigt, dass bereits eine einzige Wanderung von drei Stunden positive Veränderungen der geistigen Gesundheit mit sich bringt. Nach der Wanderung war bei den Probanden ein signifikanter Anstieg der Stimmung und Gelassenheit festzustellen - während negative Gefühle wie Energielosigkeit und Angst deutlich sanken. Auch bei Probanden, die lediglich auf dem Laufband körperlich tätig waren, war ein ähnlicher Effekt zu registrieren, allerdings in geringerem Ausmaß. Probanden der Kontrollgruppe, die lediglich im Sitzen tätig waren, wurde eine gegenteilige Entwicklung attestiert: Angst und Energielosigkeit nahmen zu, Stimmung und Gelassenheit verschlechterten sich beträchtlich. Bei den Probanden wurde zudem der Cortisolspiegel gemessen. Reduzierte Werte bestätigten den positiven Effekt der sportlichen Aktivität und die damit einhergehende Stressreduktion. Interessant dabei: die Forscher maßen bei den Wanderern eine objektiv höhere Anstrengung als bei den Probanden auf dem Laufband, welche allerdings subjektiv als geringer eingestuft wurde. Daraus lasse sich ableiten, dass die Umgebung beim Wandern von der k ö rperlichen Anstrengung durchaus ablenken könne.

Abbildung 2: Der Jakobsweg zieht jährlich hunderttausende Pilger an

Europas beliebteste Wanderregionen Europa bietet vielfältige Möglichkeiten für Wanderurlaube, wobei jedes Land seinen ganz eigenen Charme versprüht. Besonders Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich erfreuen sich Jahr für Jahr großer Beliebtheit und werden von unzähligen Wandertouristen bereist - auch ein Wanderurlaub im eigenen Land liegt bei den malerischen Landschaften nahe. So müssen Deutsche nicht unbedingt über die Grenzen hinaus verreisen, sondern können auch die wunderschönen Wanderwege in Schwarzwald oder Thüringer Wald genießen.

Ambitionierte Wanderer zieht es in den Norden, Frostbeulen eher in den Süden in wärmere Regionen. Unberührte Naturlandschaften mit ganz eigener Flora und Fauna gibt es aber überall zu erleben. Zu den beliebtesten Wandertouren zählen in Europa sicherlich die Dolomiten, die Alpen, die schottischen Highlands und natürlich der Jakobsweg - und das nicht erst seit der Veröffentlichung von Hape Kerkelings Buch "Ich bin dann mal weg".

In dem 2006 erschienen Buch, dessen Verfilmung 2015 in die deutschen Kinos kam, beschreibt der Komiker und Schauspieler seine Erlebnisse auf dem wohl bekanntesten Pilgerpfad der Welt. Bereits seit mehr als 1000 Jahren wandern Pilger zum Grab des Apostels Jakobus in der spanischen Stadt Santiago des Compostela. Im Jahre 2016 machten sich knapp 300000 Wanderer auf den Weg. Im Ranking der Touristen nach Nationen steht Deutschland sogar auf Platz drei.

Wandern in Dänemark

Im Gegensatz zu den oben genannten Urlaubsdestinationen, würden die meisten wahrscheinlich nicht unbedingt spontan darauf kommen den nächsten Wanderurlaub in Dänemark zu buchen. Jedoch sind der Mix aus flachen und hügeligen Landschaften und die abwechslungsreiche Natur bei eingefleischten Wanderfans überaus beliebt. Die zahlreichen Inseln und eine rund 7314 Kilometer lange Kü stenlinie sind charakteristisch für die dänische Natur. Zudem bietet Dänemark Wandertouristen zahlreiche malerische Seengebiete, Dünen- und Heidelandschaften - das westliche Jütland lockt Besucher mit dem Anblick von Hochmooren.

Alle beliebten Ferienregionen verfügen über zahlreiche gepflegte und bestens ausgeschilderte Wanderwege. Das Dänische Ministerium für Umweltschutz - welches längst erkannt hat, dass Wandern absolut im Trend liegt - macht es den Wanderern mit Informationsbroschüren, Karten und Beschreibungen zu allen ö ffentlichen Naturgebieten leicht, sich in der dänischen Natur zurecht zu finden. An lokalen Touristeninformationen und an Parkplätzen entlang stark frequentierter Wanderrouten ist das Informationsmaterial kostenlos erhältlich. Das Portal www.dansk.de bietet zusätzliche Informationen zu Wanderwegen, Übernachtungsmöglichkeiten und Tourismus in Dänemark allgemein.

Nicht nur nationale Wanderwege, sondern auch internationale Wanderrouten lassen sich in Dänemark finden, die allesamt in kleinere Etappen unterteilt werden können. So führen zwei der insgesamt zwölf großen Europäischen Fernwanderwege durch Dänemark: der E1, der sich vom Nordkap bis nach Italien erstreckt und der E6, welcher vom Nordwesten Finnlands bis in die Türkei führt.

Abbildung 3: Dänemark haben viele nach wie vor nicht als Wanderdestination auf dem Schirm

Auf den Spuren der dänischen Grenzgendarmerie

Ein Wanderweg, der sich aufgrund seiner überschaubaren Länge von 74 km im Dänemark-Urlaub vollständig entdecken lässt, ist der Gendarmendpfad - auf Dänisch Gendarmstien. Er verläuft von Padborg nach Horuphav auf der Insel Als. Der Name dieses Küstenwanderweges geht auf die Grenzgendarmen zurück, die zwischen 1920 und 1958 entlang der deutsch-dänischen Grenze patrouillierten, um die Schifffahrt zu überwachen. Mit blauen Gendarmen versehene Schilder weisen den Weg entlang 28 Rastplätzen, die zu einer Pause einladen - Meerblick inklusive. Der Gendarmenweg wartet mit einer ganzen Reihe von Sehenswürdigkeiten auf, so zum Beispiel das Heimatmuseum, welches sich auf dem Jahrhunderte alten Hof Oldemorstoft befindet, der Kollunder Wald und ebenso die Kirchspielgemeinde Rinkenaes Sogn mit seinen vielen historischen Attraktionen. Eine Kuriosität ist der Imbissstand Annies Kiosk in Süderhaff, beziehungsweise S ø nderhav . Annie B ø gild, die ihren Stand bereits seit 1966 betreibt, lädt nicht nur mit ihren leckeren Hot Dogs zum Verweilen ein. Von dem direkt am Strand gelegenen Imbiss bietet sich ein herrlicher Ausblick, welcher an klaren Tagen bis nach Flensburg reicht. Mit Wurst gestärkt geht es dann weiter in die Stadt Broager, deren Wahrzeichen die romanische Kirche mit Doppelturm ist. Über Cathrinesminder, die Düppeler Schanze und Sonderborg mit gleichnamigen Schloss, verlaufen die letzten Etappen dann bis hin zu Höruphaff am Höruper Haff. Geübte oder ambitionierte Wanderer können den Gendarmenweg innerhalb weniger Tage bezwingen, weswegen er auch für Kurzurlauber reizvoll ist.

Quo vadis Wandern?

Wandern liegt voll im Trend, aber es ist kein Sport, der plötzlich aus dem Nichts kam und genau dahin wieder verschwinden wird. All die Mitglieder von Wandervereinen und Naturfreunde werden auch noch weiter auf den Wanderwegen der Welt unterwegs sein, wenn der gestresste Büroangestellte seine Wanderschuhe schon längst wieder in die Ecke geworfen hat. Aber vielleicht kommt es ja auch dieses Mal anders und die Wanderschuhe bleiben solange an den Füßen bis die Sohle nur noch aus einer dünnen Schicht Gummi besteht. Denn Wandern passt in die moderne Zeit. Eine Zeit, die von digitaler Reizüberflutung und alltäglicher Hektik geprägt ist und in der Wandern einen zumindest für ein paar Stunden oder Tage wieder zur Ruhe kommen lässt.

Bildquelle:

Bild 1: pixabay.com CC0 Public Domain

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