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Peter Sommer (l, Redaktion seit 2003) und Peter Rüchel (Redaktion bis 2003). Foto: WDR/Thomas von der Heiden
Peter Sommer (l, Redaktion seit 2003) und Peter Rüchel (Redaktion bis 2003). Foto: WDR/Thomas von der Heiden
19.07.2017

40 Jahre «Rockpalast»-Nächte

Köln (dpa) - Als in der Nacht auf den 24. Juli 1977 die Wände in der Essener Grugahalle zitterten, war das deutsche Fernsehen noch ein anderes. Es gab damals etwas, das Sendeschluss hieß.In der Nacht hörte das Programm einfach irgendwann auf. Es gab viel weniger Sender. Und es gab Sendungen, für die man eine Kiste Bier ranschaffte, einen klobigen Röhrenfernseher zurechtrückte und sich mit Freunden verabredete. Die Show, die in jener Nacht aus Essen übertragen wurde, war so eine. Der «Rockpalast» des WDR ging erstmals mit einer seiner langen Nächte auf die Mattscheibe.

Die Konzertreihe gilt heute als etwas, das man völlig zurecht mit dem etwas abgenutzten Siegel «Kultsendung» versehen kann. Zweimal jährlich brachten die Rocknächte Bands auf die Bühne, direkt übertragen in die Nikotin geschwängerten Party-Keller der Nation. Sie wurden europaweit ausgestrahlt, Megastars wie Rory Gallagher, The Who, The Kinks oder Rage Against the Machine traten auf. Und das alles im Ruhrgebiet. Bis 1986 dauerte die Phase mit den langen Rocknächten an. Musik unter der Marke «Rockpalast» gibt es bis heute im WDR.

Der WDR und mit ihm die ARD feiern den 40. Geburtstag dieser Institution in den kommenden Tagen mit mehreren Specials, unter anderem mit einer Dokumentation («40 Jahre Rockpalast-Nacht - I've lost my mind in Essen», Nacht vom 22. auf den 23. Juli, ab 0.40 Uhr ARD) und einer Wiederholung der ersten Rocknacht von 1977 (Nacht vom 28. auf den 29. Juli, 3.20 Uhr, WDR).

Peter Rüchel kann heute noch von jeder einzelnen Rocknacht sagen, wer auf der Bühne stand. Er ist der Erfinder des Formats. Zum WDR war er damals vom ZDF gekommen und hatte den Auftrag erhalten, ein neues Jugendprogramm zu entwickeln. 1976 überzeugte er seine Vorgesetzten von den Rocknächten. «Ich habe mich noch nachts ans Telefon gesetzt und habe in der Welt herumtelefoniert, um Musiker und Bands zu engagieren», sagt Rüchel.

Das Konzept: erstes Programm, Samstag auf Sonntag, live, Ende offen, parallel im Radio übertragen, wenn möglich europaweit, durchaus subjektive Auswahl der Bands. Chartplatzierungen dagegen sollten schnurz sein. Für viele später erfolgreiche Gruppen begann die deutsche Karriere daher im «Rockpalast». Etwa für die Musiker von ZZ Top, die 1980 um 4 Uhr morgens auf die Bühne stiegen und um 5.30 Uhr noch Zugaben geben mussten. Gefilmt wurden die Konzerte ohne allzu große Effekthascherei. Die Musik stand im Mittelpunkt. Auf die Grugahalle in Essen kam man, weil man nicht «zu Hause» in Köln sein wollte. «Um zusätzliches Adrenalin zu produzieren», sagt Rüchel.

Das Adrenalin sah man der Sendung auch an, auch den Schweiß. Aber niemals habe ihm jemand aus der Senderhierarchie reingeredet und nahegelegt, die Shows lieber aufzuzeichnen, um notfalls etwas rausschneiden zu können, sagt Rüchel. Was gut war, denn so wurden die Rocknächte nicht klinisch steril. Zuschauerpost gab es natürlich trotzdem gelegentlich, etwa nachdem die Red Hot Chili Peppers 1985 eine Zugabe nur mit einer Socke am Leib gespielt hatten.

Bis heute gibt es die Marke «Rockpalast», etwa mit Aufzeichnungen von Festivals. Die Tradition der Rocknächte allerdings endete 1986. Die Sehgewohnheiten änderten sich. Die Privatsender waren am Horizont erschienen. Das Fernsehen, es wurde ein anderes.