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Eine rote Rose auf einem Klavier in Valldemossa auf Mallorca. Foto: Carola Frentzen
Eine rote Rose auf einem Klavier in Valldemossa auf Mallorca. Foto: Carola Frentzen
07.12.2016

Chopins fragile Winterromanze auf Mallorca

Valldemossa (dpa) - Eine rote Rose ziert die Tasten des Pleyel-Klaviers in dem spartanisch eingerichteten Zimmer, während draußen ein kühler Wind über das Mittelmeer fegt.Die zierliche Blume erinnert an eine große Liebesgeschichte, die hier - in der Zelle 4 des Kartäuserklosters von Valldemossa auf Mallorca - fast 100 Tage lang eine romantische Zuflucht fand und die bis heute der wohl größte Besuchermagnet des malerischen Örtchens ist.

Es ist Winter, November 1838, als der lungenkranke polnisch-französische Komponist Frédéric Chopin und die sechs Jahre ältere Literatin George Sand auf der Mittelmeerinsel ankommen. Doch statt mediterranen Klimas erwarten die beiden Regen und Dauerfrost, gepaart mit den unterkühlten Reaktionen der Mallorquiner, die die Affäre zwischen dem zarten Musiker und der emanzipierten Autorin als Skandal betrachten. Nicht nur sind die beiden unverheiratet, sie gehen auch nie zur Kirche und reisen zudem mit Sands Kindern aus ihrer vorangegangenen Beziehung, Solange und dem unter Rheuma leidenden Maurice.

Während Chopin trotz seiner zunehmenden Tuberkolose «Préludes» komponiert, macht die häufig Männerkleidung tragende und Zigarre rauchende Sand Notizen und arbeitet an einem Manuskript über die Mallorca-Reise. Es wird später als ihr bis heute meistgedrucktes und in zahlreiche Sprachen übersetztes Werk «Ein Winter auf Mallorca» veröffentlicht.

«Ein weiteres Wunder geschah: Wir fanden ein Asyl für den Winter!», schreibt die Baronin Dudevant, wie George Sand bürgerlich hieß, darin begeistert. «Die Poesie dieser Kartause hatte mir den Kopf verdreht.» Kein Wunder, denn der Ausblick vom kleinen, als Terrasse angelegten Garten über die idyllische Landschaft bis hin zum Meer ist atemberaubend, «ein überwältigender Anblick», wie Sand es formuliert. Von einem «geheimnisvollen Paar» aus Spanien übernehmen die beiden das gesamte Mobiliar: «Für die bescheidene Summe von 1000 Francs erhielten wir also einen kompletten Hausstand.» Sie ziehen in drei große Räume, die mit einem gemeinsamen Korridor verbunden sind.

Der Kartäuser-Mönchsorden war, wie viele andere Orden auch, einige Zeit zuvor enteignet worden, so dass das Kloster von der spanischen Obrigkeit säkularisiert und seine Zellen vermietet wurden.

Aber für Chopin ist das feucht-kalte Wetter Gift. Er «siechte in erschreckender Weise dahin», notiert Sand. «Im Anschluss an einen Katarrh fehlte ihm eine stärkende Diät, so dass er einer melancholischen Schlappheit verfallen war, von der er sich nicht befreien konnte.» Gleichzeitig ist er offenbar wütenden verbalen Angriffen der Mallorquiner ausgesetzt, die erklären, «dieser Schwindsüchtige» werde in der Hölle landen, nicht nur wegen seiner Krankheit, sondern auch, «weil er nicht zur Beichte geht», wie Sand das hetzende Volk mit spürbarer Wut im Bauch zitiert.

Der immer schwächer werdende Chopin, der die Behausung zunehmend als Gefängnis empfindet, schreibt in einem Brief, die Kartause sei «ein seltsamer Ort»: «Die Zelle hat die Form eines hohen Sarges, das Deckengewölbe ist gewaltig, verstaubt...»

Und so brechen das Musikgenie und seine Geliebte schon nach drei Monaten ihre Zelte in Valldemossa wieder ab und verlassen den Ort im Februar 1839. Aber die 98 auf Mallorca verbrachten Tage waren genug, um die Legende dieser Winterromanze bis heute am Leben zu erhalten - und das nicht nur bei Fans klassischer Musik oder französischer Literatur. 250 000 Eintrittskarten werden alljährlich für die Besichtigung der «Celda Chopin» verkauft, das kleine Valldemossa kann dem Besucherstrom im Sommer kaum standhalten.

Viele Touristen, die eigens aus dem 17 Kilometer südlich gelegenen Palma angereist sind, halten ehrfürchtig inne, wandeln langsam durch die kargen weiß getünchten Zimmer, studieren interessiert die zahlreichen Exponate. Zu bewundern gibt es neben Briefen, Möbeln, Kompositionen, Manuskripten und Bildern auch eine Haarlocke des Komponisten und seinen Handabruck in Gips - sowie das Gefühl, dass sich in diesen Hallen einst zwei ganz besondere Menschen aufgehalten haben. Und dann ist da natürlich dieses Klavier mit einer roten Rose auf den Tasten.