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Siggi Loch sitzt hat sich mit dem Jazzlabel ACT einen Jugendtraum erfüllt. Foto: Jörg Carstensen
Siggi Loch sitzt hat sich mit dem Jazzlabel ACT einen Jugendtraum erfüllt. Foto: Jörg Carstensen
30.03.2017

«Den Bazillus des Jazz weiterreichen» - 25 Jahre Label ACT

Berlin/München (dpa) - Ein Vierteljahrhundert ist eine lange Zeit für eine unabhängige Plattenfirma. Erst recht, wenn es um Jazz geht, die kleinste Nische in der Musikbranche.Beim 25-Jahre-Jubiläumsfest des deutschen Indie-Labels ACT dürften sich daher am Sonntag (2.4.) in Berlin Freude, Erstaunen und Zuversicht mischen. Der Name Siggi Loch wird dann in vielen Lobeshymnen und Dankesreden ganz vorn auftauchen.

Der 76-Jährige ist Jazz-begeisterter Gründer, uneingeschränkter Boss und unermüdlicher Talentsucher der künstlerischen Heimat von großen Musikern wie Nils Landgren, Joachim Kühn und Michael Wollny. Der Wahlberliner hat die Hälfte der gut 500 seit 1992 erschienenen ACT-Alben selbst produziert, er versteht sich als liebevoller «Vater» einer weit verzweigten, überwiegend europäischen Jazz-Familie.

Sein Führungsstil hat durchaus auch patriarchalische Züge. «ACT ist geprägt durch meinen Geschmack. Dieses Label ist für mich kein Geschäftsmodell, sondern eine Leidenschaft. Und ich glaube, dass das meine Künstler auch beeindruckt», sagt Loch im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.

Die Treue weltweit erfolgreicher Musiker zum kleinen, vielfach mit Echo- und anderen Preisen ausgezeichneten Label ACT gibt ihm offensichtlich Recht. Trotz aller «Bedrohungen» der Branche durch die freie Verfügbarkeit von Musik im Internet sei der Jahresumsatz der in München sitzenden Firma mit gerade mal sieben festen Mitarbeitern bei etwa 2,5 Millionen Euro seit langem stabil.

Eigentlich kommt Loch quasi aus den Wolkenkratzern des «Big Business» der Musikindustrie. Mit 25 Jahren war er - «ohne Abitur oder Studium» - jüngster Chef einer internationalen Plattenfirma, von Liberty-United Artists. Er war bei EMI Electrola, Philips und WEA/Warner, gilt als Entdecker von Klaus Doldinger, Katja Ebstein, Can, Marius Müller-Westernhagen, Al Jarreau und vielen anderen.

So hätte es auch nach Lochs 50. Geburtstag weitergehen können. Doch Ende der 80er Jahre kam es zum Neustart: «Da habe ich mich erinnert, dass mir ein Konzert von Sidney Bechet 1955 in Hannover den Jazz-Bazillus eingepflanzt hatte.» Also erfüllte sich Loch «einen Jugendtraum» - und gründete zum 1. April 1992 sein eigenes Label. Unter dem Motto «In the Spirit of Jazz» veröffentlicht er seitdem Musik «für Menschen mit offenen Ohren»: melodiebetonter, ambitionierter Jazz jenseits von Fahrstuhlmusik, ohne Berührungsängste zu Klassik, europäischer Folkmusik oder auch Pop.

«Das Entscheidende bei einem Indie-Label ist, dass man dort Talente entdecken kann», sagt Loch. Wichtig sei, «dass man neugierig bleibt, dass man viel unterwegs ist, um Leute zu sehen, die noch nicht etabliert sind, beispielsweise auf Jazzfestivals oder in kleinen Clubs». Die besten Tipps habe er von seinen eigenen Label-Künstlern erhalten. So stieß er etwa über den Jazz-Posaunisten und Sänger Nils Landgren auf Esbjörn Svensson, den 2008 tödlich verunglückten schwedischen Pianisten, viele Jahre eines der ACT-Aushängeschilder.

Ein Gespür für Talent in einem frühen Stadium hat der 1940 im pommerschen Stolp (heute Slupsk/Polen) geborene Loch auch bei der Bildenden Kunst. So erwarb er 1970 für 15 000 DM ein Bild von Gerhard Richter, heute der teuerste lebende Künstler der Welt. Vor einigen Jahren verkauften er und seine Frau Sissy das Gemälde für 3,2 Millionen Euro, das Geld steckten sie in eine eindrucksvolle Villa im Grunewald. Bis heute sammelt er dort zeitgenössische Kunstwerke, die dann oft in Reproduktion die stilvollen Cover der ACT-Alben zieren.

Loch führt sein Label nur zum Teil als Idealist - Geld verbrennen will er nicht. «Ich nehme nie einen Künstler unter Vertrag, den ich nicht selbst vor Publikum erlebt habe. Es geht um die Frage: Will er die Menschen erreichen, oder spielt er nur für sich selbst? Denn das Publikum muss am Ende bereit sein, dafür Geld zu bezahlen.» Die schönsten Momente sind für ihn, wenn er auf Jazzer trifft, die ihre Zuhörer verzaubern und irgendwann «mit langem Atem» auch Platten verkaufen. Wie Wollny, «eines der größten Talente, die ich je entdecken durfte». Oder den genialen Grenzüberschreiter Svensson.

Mit dem Sublabel «Young German Jazz» oder der Konzertreihe «Jazz at Berlin Philharmonic» hat Siggi Loch immer wieder erfolgreich Neuland betreten. Mit der Rückblick-Platte «twenty five magic years - the jubilee album» und dem Konzertmarathon am 2. April feiert sich ACT nun stilvoll selbst. Der Grandseigneur ist spürbar stolz auf seinen 25-jährigen Versuch, «den Bazillus des Jazz weiterzureichen». Um die Zukunft des Labels ist ihm nicht bange: «Es gibt ein Publikum da draußen, das will sein Leben ausschmücken mit unseren Platten.»