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Thorsten Lannert (Richy Müller, l) und Sebastian Bootz (Felix Klare) in einer Szene des "Tatort - Preis des Lebens".
Thorsten Lannert (Richy Müller, l) und Sebastian Bootz (Felix Klare) in einer Szene des "Tatort - Preis des Lebens". © dpa
25.10.2015

Der Stuttgarter Tatort im Check

Die seelischen Wunden wollen nicht verheilen. 15 Jahre ist es her, dass ein Ehepaar seine geliebte Tochter verloren hat - brutal vergewaltigt und erdrosselt. Seither kommen die Eltern nicht heraus aus ihrer Trauer. Als der Mörder aus dem Gefängnis kommt, münzen sie ihre Wut in eine letzte verzweifelte Tat um: Sie entführen und ermorden ihn. Es wird nicht die letzte Entführung bleiben in diesem Stuttgarter «Tatort». Das Erste zeigt ihn an diesem Sonntag unter dem Titel «Preis des Lebens» um 20.15 Uhr.

Für die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) ist der Fall eine harte Belastungsprobe. Der eine musste einst selbst um ein Kind trauern, der andere ist Vater.

Regisseur Roland Suso Richter war mit dem Knast-Drama «14 Tage lebenslänglich» (1997) einst eine große deutsche Kinohoffnung, inzwischen gehört der 54-Jährige gewissermaßen zum Inventar der öffentlich-rechtlichen Fernsehwelt. Unlängst war im ZDF mit «Feuerengel» ein solides Richter-Regiewerk ohne ungewöhnliche Schlenker zu sehen.

So wirklich überrascht wird der Zuschauer auch im neuen «Tatort» vom SWR nicht. Es geht um Verlust, menschliche Abgründe und tiefe Finsternis, wie die Auftaktszene signalisiert: in einem Kellerraum mit Folterutensilien bei flackerndem Licht und mit Totenkopf-Symbol überdeutlich. «Warum hast Du so Angst vor Verlust», knarzt eine Stimme im Eröffnungslied auf Englisch. Die Macher um Regisseur Richter und Drehbuch-Autor Holger Karsten Schmidt, dessen Feder auch einige andere Stuttgarter «Tatort»-Folgen entstammen, setzen auf überdeutliche Filmsprache mit extremen Figuren.

Die grau gekleideten Eltern des vor langer Zeit getöteten Mädchens wandeln wie Gespenster ihrer selbst umher, später irrlichtert der Vater eines anderen Entführungsopfers durchs Bild. Die Kriminellen sehen mächtig fies aus. Und Kommissar Lannert steht in Seelenruhe daneben und gibt eher banale Erkenntnisse zum Besten: «Das war kein Scheißplan, er hat nur nicht funktioniert.»

Dass Lannert, der in der TV-Reihe doch einst selbst Frau und Kind verloren hat, beim Thema Kindsverlust so stoisch und nur gelegentlich mit wenig authentischer Aufgeregtheit durch die Handlung steuert, wirkt wie eine vertane Filmchance. Auch bei der eindimensionalen Vater-Rolle der Theater-Ikone Robert Hunger-Bühler bleibt viel Potenzial ungenutzt.

Im Hintergrund wummert mal bedrohlich-langsame, mal schnellere Musik, um den dramatischen Effekt noch zu erhöhen. Die Filmemacher greifen auf dieses akustische Hilfsmittel zurück, als hätten sie kein Vertrauen in die Kraft ihrer eigenen Story.

Zugegeben: Krimis ohne jedes Rätseln um den Mörder sind für die Inszenierung immer eine Herausforderung. Wenn dem Zuschauer von Beginn an klar ist, wer der Täter ist, legen die Filmemacher ihren Fokus - anders als üblich - auf soziale Probleme oder individuelle Schicksale. Hier ist es die Trauer über einen Verlust, der die Welt aus den Angeln hebt. Unbescholtene Bürger verlieren das Vertrauen in die Justiz und greifen daraufhin zur Waffe. Am Ende fällt tatsächlich ein Schuss - und es gibt schockierte Gesichter.