nach oben
Chester Bennington, Sänger der US-amerikanischen Band Linkin Park, in Hannover.
Chester Bennington, Sänger der US-amerikanischen Band Linkin Park, in Hannover.
17.01.2008

Die Kunst des Brüllens: Linkin Park auf Deutschland-Tour

Hannover (dpa) ­ Es scheint, als müsse Chester Bennington nur aus Leibeskräften brüllen, und schon lösen sich die Fesseln der musikalischen Genre-Grenzen.

Die Stimmgewalt des Frontmanns der US- amerikanischen Rockband «Linkin Park» ist die Konstante des Konzerts, mit dem die Musiker am Mittwochabend in Hannover ihre Deutschland- Tour gestartet haben. Benningtons Gebrüll ist ein Kunstwerk für sich. Und sprengt er damit erst einmal die Fesseln und macht die Genres durchlässig, ist alles möglich: In die brachialen Gitarrenklänge der Rocker mischen sich dann Rap-Einlagen im Stile Eminems, Pop-Balladen à la U2 oder radiotaugliche Mitwipp-Melodien.

Ihr Potpourri verschiedenster Musik-Genres hat «Linkin Park» inzwischen 40 Millionen Platten verkaufen lassen und die sechs Jungs aus Kalifornien zu strahlenden Grammy- und Echo-Gewinnern gemacht. Tingelten sie vor rund zehn Jahren noch über kleine Bühnen amerikanischer Vorstädte, sind sie heute längst eine feste Größe im weltweiten Musik-Business. 12 000 Zuschauer bejubelten in Hannover den Tourauftakt.

Wann Sänger Bennington beim Brüllen im Stakkato überhaupt Luft holt, bleibt sein Geheimnis. Die Adern am Hals schwellen an, sein Kopf schnellt zurück, die Hände würgen das Mikro und er schmeißt seine Stimmgewalt mit dem ganzen Körper nach vorn ins Publikum. Das Faszinierende dabei: Der Sänger mit dem angedeuteten Irokesen-Schnitt lärmt stimmlich recht melodisch. Sein Brüllen hat Klasse. Keine Spur vom gurgelnden Kauderwelsch schwarz-dumpfer Metal-Stimmen. Schließlich dümpelt «Linkin Park» ja auch im Mainstream. Und da gibt es feste Routen.

Damit sie nicht aus dem Mainstream gespült werden, haben «Linkin Park» die aktuelle Platte «Minutes To Midnight» vom Erfolgsgaranten Rick Rubin (Johnny Cash, Red Hot Chili Peppers) produzieren lassen. Und so gibt es gar ein Stück, in dem Bennington Brüll-Pause hat: «Valentine's Day». Als «Linkin Park» es spielt, ziehen die Sicherheitsleute noch ein paar mehr Mädchen aus der ersten Reihe, die der Ohnmacht nahe sind.

Ob das Sextett es will oder nicht: Längst ist es auch eine Teenie- Rockband. «Auf ihrem neuen Album sind die Texte schon gefühlvoller. Aber ich glaube, das machen sie nicht für den Kommerz. Sie haben doch auch vorher gut verkauft», sagt Sabrina (20) aus Finsterwalde. Und Julia (17) aus Hagen meint: «Das ist halt Rock, der allen gefällt.» Politische Positionen wie in «Hands Held High» sind die Ausnahme. Dabei macht in diesem Stück allein schon die Kombination aus DJ Joseph Hahns Choral-Klängen und der Marschmusik von Drummer Rob Bourdon neugierig.

Trotz des Stil-Mixes: Überraschen können «Linkin Park» selten. Der Wortwitz in den Raps von Mike Shinoda ­ etwa bei «Bleed It Out» ­ lässt oft auf längere Passagen hoffen, doch zu schnell reißt Bennington mit einer seiner Gesangs-Attacken wieder das Ruder an sich. Sein dominantes Organ bleibt der Pulsschlag der Band. Und es sind gerade diese gebrüllten Passagen wie in «Somewhere I Belong», bei denen 24 000 wippende Arme Bennington huldigen und die Stimmung in Hannover am meisten kocht.

20.01.2008 Frankfurt Festhalle
21.01.2008 Köln Kölnarena

www.linkinpark.de