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Kurator Janek Müller führt durch die Ausstellung «Wie das Bauhaus nach Weimar kam». Foto: Jens Büttner
Kurator Janek Müller führt durch die Ausstellung «Wie das Bauhaus nach Weimar kam». Foto: Jens Büttner
16.08.2018

Kunstfest Weimar mit Bauhaus-Bezug

Weimar (dpa) - Eine buntbedruckte Jacke mit der Farbenlehre von Johannes Itten und drei Steine in den Bauhaus-Symbolen Kreis, Dreieck, Quadrat: Die beiden Exponate stehen für die Ausstellung «Wie das Bauhaus nach Weimar kam», mit der das Kunstfest Weimar am Freitag eröffnet wird.Gezeigt werden bis Anfang September historische Dokumente, Raritäten, Kuriositäten und neue Kunstwerke, die die Umbruchsituation für Gesellschaft und Künstler in den wirren Zeiten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs verdeutlichen. Der Untertitel «Ein Archiv von Hitze und Kälte» verweise auf die Balanceakte innerhalb und außerhalb des Bauhauses, um sich behaupten zu können, sagte Kurator Janek Müller am Donnerstag bei der Vorbesichtigung.

Im April 1919 war das Staatliche Bauhaus vom Architekten Walter Gropius (1883-1969) in Weimar gegründet worden. Er war bereits vom Jugendstilkünstler Henry van de Velde, der als Belgier mit Kriegsbeginn die Herzogliche Kunstschule verlassen musste, als Nachfolger vorgeschlagen worden. Erst mit der Weimarer Republik konnte der Vorschlag umgesetzt werden. Gropius holte Maler wie Paul Klee, Johannes Itten, Wassily Kandinsky, Oskar Schlemmer und László Moholy-Nagy nach Weimar. Er sei davon überzeugt gewesen, dass die Farbe eine wichtige Rolle bei der Architektur spielen werde. Die Kunst müsse aus dem Volk kommen. Deshalb setzte er auf die Verbindung von Kunst und Handwerk. Ein Ziel war der neue Mensch.

Wer in den drei Ausstellungsorten - der ehemaligen Werkstatt des Bauhäuslers und Buchdruckers Otto Dorfner, der Galerie ACC und dem Museum für Ur- und Frühgeschichte - bekannte Kunstwerke der Bauhäusler und ihrer Schüler erwartet, wird enttäuscht werden. Sie hätten auch finanziell nicht vom Kunstfest mit seinem engen Budget gestemmt werden können, zumal im kommenden Jahr hochkarätige Ausstellungen aufeinander folgen werden. «Wie das Bauhaus nach Weimar kam» bewegt sich deshalb abseits ausgetretener Pfade.

Unter dem Titel «Stürmisches Pathos» zeigt sie in der Dorfner-Werkstatt anhand von Faksimile aus dem Thüringer Hauptstaatsarchiv, wie sich das Leben der jungen Bauhausmeister und ihrer Schüler im konservativen Weimar entwickelte. Von Anfang an schlugen ihnen neben Sympathien auch Ablehnung und Vorbehalte entgegen. «Die sofortige Politisierung des Bauhauses war in Weimar bis zur Umsiedlung in Dessau eine Dauersituation», sagte Müller.

In einer Flugschrift vom Februar 1920 fordert der spätere Thüringer Landtagsabgeordnete und Bauhaus-Gegner Emil Herfurth unter anderem, dass sich die Lebensführung der Angehörigen der Bauhäusler den großen Traditionen Weimars und den Lebensformen der Weimarer anpassen müssten. Dorfner ist mit einem Schreiben von 1922 vertreten, in dem er Klarheit über die Rolle der Frauen im Bauhaus fordert.

Der Ausstellungsteil im Museum für Ur- und Frühgeschichte steht unter dem Leitsatz «Archaische Attitüde». Er nimmt die Gedanken von Bauhäuslern wie Klee, Kandinsky oder Itten auf, in den Zeugnissen der Ur- und Frühgeschichte Vorbilder für sich und einen Neuanfang in der Kunst zu finden. Vor einem Diorama einer neolithischen Siedlung, die aussieht wie eine späte Bauhaussiedlung, liegen drei Steine in den Bauhaus-Formen Quadrat, Kreis und Dreieck. An die Ursprünge des Bauens in der Urzeit verweist etwa Moritz Wehrmann mit seinen einfachen Hüttenkonstruktionen.

«Eingeübte Exzentrik» ist der dritte Ausstellungsteil in der ACC-Galerie überschrieben. Neben Arbeiten heutiger Künstler zum Thema Gleichgewicht ist dort auch ein Brief von Gropius vom 14. März 1925 zu lesen. «Das Bauhaus in seiner bisherigen Form hört in Weimar am 1. April 1925 auf. Seine Verlegung nach Dessau ist geplant.»

Sechs Jahre hatten die Bauhäusler im «Schmelztiegel» Weimar um eine völlig neue Kunst und Architektur gerungen - und waren an dem ständigen Kampf ums Geld und an reaktionären Kräften in Weimar und Thüringen gescheitert. In Dessau entstanden dann die bekannten Bauhausbauten. 1933 verboten die Nationalsozialisten das inzwischen nach Berlin umgezogenen Bauhaus. Gropius und viele Bauhäusler emigrierten in alle Welt. Die sozialen und künstlerischen Ideen inspirieren bis heute.