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Manneken Pis trägt Designerkleidung von Jean Paul Gaultier. Foto: Olivier Hoslet
Manneken Pis trägt Designerkleidung von Jean Paul Gaultier. Foto: Olivier Hoslet
04.02.2017

Manneken Pis: Pinkelnder Junge mit riesiger Garderobe

Brüssel (dpa) - Designer-Dress, Fußballtrikot, Landestracht - Manneken Pis kann einfach alles tragen. Das Wahrzeichen Brüssels hat mehr als 950 Kostüme in seiner Garderobe. 133 davon werden im neuen Museum «GardeRobe MannekenPis» wenige Meter entfernt von der Brunnenfigur im historischen Zentrum Brüssels präsentiert.Ein begehbarer Kleiderschrank, dessen Besuch zeigt: Das Manneken macht in jedem Gewand eine gute Figur. Der Besuch zeigt jedoch auch, dass viele an seinem Ruhm teilhaben wollen. Das nahegelegene Museum zur Geschichte der Figur wurde ebenso neugestaltet.

«Der beste Weg, in Brüssel präsent zu sein, ist das Manneken Pis», sagt einer, der es wissen muss. Roel Jacobs ist Historiker und so etwas wie ein wandelndes Lexikon über den Touristen-Magnet. Für ihn ist die Figur im In- und Ausland vor allem deshalb so populär, weil sie der Brüsseler Selbstironie entspricht.

Die Nonchalance, mit der der Junge in aller Öffentlichkeit Wasser lässt, kommt an - und zwar in der ganzen Welt. So bilden Gaben fremder Länder den größten Teil der Kostüm-Schau: das Manneken in der britischen Garde-Uniform, das Mannenken als italienischer Harlekin. Das Manneken als Amazonas-Indianer und das Manneken als kanadischer Eishockey-Spieler. «Jeder Besucher möchte natürlich das Kostüm sehen, das sein Land Manneken Pis geschenkt hat», sagt Kurator Gonzague Pluvinage. Mit 18 Gewändern ist Japan als außereuropäisches Land bislang am spendabelsten gewesen. «Die Japaner sind komplett verrückt nach Manneken Pis.»

Andere Vitrinen zeigen die Figur im Dress von Sportvereinen, Designern oder Prominenten. So steht das Manneken in der Latzhose von Obelix neben dem im Trikot des belgischen Nationalteams. Selbst Star-Designer Jean Paul Gaultier entwarf schon einen Dress für den Jungen. Nur für politische, religiöse oder kommerzielle Zwecke dürfe die Figur nicht gebraucht werden, sagt Pluvinage.

So verschieden seine Kostüme auch sind, so bewegt ist das Leben des wasserlassenden Jungens. Mehrfach wurde die Bronzefigur gestohlen und beschädigt. Das Original steht deshalb nicht mehr an jener Ecke, an der die Touristen ihre Fotos machen - sie sehen eine Kopie -, sondern auf einem goldenen Sockel im Kaufmannshaus «Maison du Roi» am historischen Marktplatz Grand Place. Auch dieser Raum ist neugestaltet - und behandelt die Geschichte des Manneken Pis.

Ein Zeitstrahl gibt hier einen Überblick über das, was über die 1619 von Bildhauer Jerome Duquesnoy entworfene Figur bekannt ist: Etwa, dass französische Soldaten den Knaben 1747 stahlen - und König Ludwig XV. deshalb als Abbitte eine Gala-Uniform im Miniformat spendierte. Auch sie ist übrigens im «GardeRobe MannekenPis» zu sehen - allerdings als Replik. Am Original nagt der Zahn der Zeit.

Im «Maison du Roi» wird auch gezeigt, wie sehr Manneken Pis mit der Identität Brüssels und Belgiens verknüpft ist. Der Titel einer Satirezeitschrift von 1945 zeigt das Manneken, wie es auf die Nazis pinkelt. Und gut 60 Jahre später? «Nach den Terroranschlägen im vergangenen Jahr haben die meisten Cartoonisten das Manneken Pis als Symbol gewählt», sagt Historiker Jacobs.

Ein Nachmittag in den beiden Manneken-Pis-Museen, deren Eintritt zusammen acht Euro kostet, zeigt: Der pinkelnde Junge ist Folklore und Politik zugleich. Jedem hat er etwas zu bieten - sowohl dem eiligen Touristen mit Selfie-Stick als auch jenem, der sich intensiv mit dem Brüsseler Wesen beschäftigen möchte.