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Top-Model Naomi Campbell 2016 in Berlin. Foto: Jens Kalaene
Top-Model Naomi Campbell 2016 in Berlin. Foto: Jens Kalaene
12.11.2017

Naomi Campbell über den «schwarzen Pirelli-Kalender»

New York (dpa) - Sogar bei Handy-Fotos mit Fans weiß Naomi Campbell sich ins rechte Licht zu rücken. «Können wir ein Schwarzweiß-Foto machen? Dieses Licht ist widerlich!», sagt sie, als ein angereister Reporter sie am Rande des Interviews um das Andenken bittet.Campbell mag als Diva gelten, doch eine fast angeboren wirkende Erhabenheit und Eleganz strahlt das Supermodel bis heute aus. Mit immerhin 47 Jahren mischt sie in der Welt von Mode und Fotografie weiter ganz oben mit. Bilder im jährlichen Kalender des Reifenherstellers Pirelli, einer Art Nonplusultra der hohen Fotografie, sind für sie fast schon ein alter Hut.

Frage: Der neue Pirelli-Kalender dreht sich um die Erzählung «Alice im Wunderland», Sie schlüpfen dabei in ein fantastisches Kostüm. Wie sehr beeinflussen Set und Kleidung, was Sie vor der Kamera leisten?

Antwort: Für mich ist das alles. Ab dem Moment der Ankunft, dem Beginn des Make-up, der Haare, wirst du in jemand anders verwandelt. So habe ich mich bis heute immer gefühlt seit dem Tag, an dem ich zu modeln begann. Ich liebe diese ganze Verwandlung und sich wie jemand anderes zu fühlen, etwas anderes zu sein. Bis du am Set bist, weißt du nie, was passieren wird.

Frage: Sie müssen dabei sehr auf den Fotografen vertrauen. Wie war es, für diesen Kalender mit Tim Walker zusammenzuarbeiten?

Antwort: Er ist perfekt für Tim, weil Tim Geschichten erzählt. Ich bin aus New York nach London zum Shooting geflogen und direkt zurück, aber ich wusste, dass es das wert ist, weil er mich in etwas anderes verwandeln würde. In meinen einunddreißigeinhalb Jahren als Model wollte ich immer sehen, wie jemand anders mich aussehen lassen würde.

Frage: Dabei war die Arbeit mit Pirelli jetzt keineswegs ein neuer Karriereschritt für Sie.

Antwort: Ich mache Pirelli seit vier Jahrzehnten. Ich habe es mit 16, in meinen 20ern, 30ern und jetzt 40ern gemacht. Ich glaube, das ist die längste Regentschaft. Es fühlt sich wundervoll an.

Frage: Dieser Kalender wirkt nicht so sexy wie die vergangener Jahre. Hat sich bei Pirelli etwas verändert?

Antwort: Ihr «sexy» meint einen perfekten Bikini und viel Haut zeigen. Ich bin in Plastik-PVC eingehüllt. Ich finde das sexy.

Frage: Trotzdem ist dieser Kalender mit einer ausschließlich schwarzen Besetzung anders. Warum wollten Sie diesmal dabei sein?

Antwort: In diesem Fall habe ich es gemacht, weil ich das Gefühl hatte, sonst aus dem «Magazin meines Landes» ausgelassen zu werden. Das wollte ich nicht. Manchmal muss ich mich selbst diese extra 110 Prozent pushen, um meine Kultur zu repräsentieren.

Frage: Konzentriert sich die Welt von Mode und Fotografie heute noch zu sehr auf weiße Frauen?

Antwort: In einigen Ländern, in einigen Werbekampagnen, vor allem in Beauty-Kampagnen. Es gibt immer das symbolische Mädchen einer anderen Hautfarbe, weil es das geben muss. In der Mode wird es absolut besser, in der Beauty-Welt so lala.

Frage: Welche Veränderungen haben Sie mit Bezug auf Vielfalt seit dem Beginn Ihrer Karriere erlebt?

Antwort: Momentan ist es der Welt unmöglich, die Vielfalt zu leugnen, denn Hip-Hop ist die führende Musik unserer Kultur und nicht mehr Rock'n'Roll. Es ist unmöglich, sie zu leugnen, und sie wird dir unter die Nase gerieben, wo auch immer du bist.

Frage: Wie lautet Ihre Botschaft an die neue Generation schwarzer Models wie Duckie Thot?

Antwort: Sie dürfen nicht aufgeben und müssen auf dem Weg voran Stärke und Ausdauer haben, weil sie ihre Ziele erreichen können.

Frage: Und was sagen Sie aufstrebenden Models, die einmal das erreichen wollen, was Sie erreicht haben?

Antwort: Wenn sie sich selbst treu bleiben, werden sie überdauern. Bleibt nett und bleibt demütig und hört zu und lernt. Ich sehe das schon mit einigen Youngstern, mit Adut (Akech) und Kaya Gerber. Das sind kluge Girls. Ich war mit ihnen in Paris. Sie hören zu, nehmen alles auf. Man denkt es nicht, aber sie sind sehr professionell. Ich war sehr beeindruckt von Kaya und Adut, weil sie zwei der jüngsten sind.

Frage: Wie war es, am Set neben Stars wie Sean «Diddy» Combs und Whoopi Goldberg zu stehen, die sonst nicht als Models arbeiten?

Antwort: Sie werden es nicht glauben, wie sehr wir uns unterstützen. Die Leute realisieren das nicht. Sogar mit meiner Generation von Models - Cindy (Crawford), Linda (Evangelista), Christy (Turlington), Kate (Moss), Claudia (Schiffer), Carla (Bruni), Helena (Christensen) - war es immer so. Darum geht es wirklich. Man muss teilen.

ZUR PERSON: Die 1970 in London geborene Naomi Campbell gilt als eines der wenigen Supermodels ihrer Generation und hat schwarzen Models zu einer größeren Akzeptanz verholfen. Mit ihren Fotos schaffte sie es als erste schwarze Frau auf die Titelseite der französischen «Vogue» und hatte sich im Alter von nur 18 Jahren bereits für Ralph Lauren, Versace und andere Luxusmarken ablichten lassen. Sie war zudem in Musikvideos von Michael Jackson, Aretha Franklin, George Michael und Jay-Z zu sehen und veröffentlichte 1994 auch ihr eigenes Album. Campbell war zwei Mal verlobt, aber nie verheiratet und hat keine Kinder. Sie engagiert sich stark für wohltätige Zwecke.