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Festivalbesucher feiern bei "Rock am Ring" am Tag nach dem Terroralarm ausgelassen die Fortsetzung des Musikfestivals. © dpa
Festivalbesucher stehen bei "Rock am Ring" am Tag nach dem Terroralarm während des Auftritts der Band "Lower Than Atlantis" vor der Hauptbühne. Sie feiern wieder ausgelassen die Fortsetzung des Musikfestivals. © dpa
Am Nürburgring wird bald wieder gerockt - nach einer Pause wegen Terrorverdachts läuft das Musikspektakel weiter. Die Veranstalter zeigen sich erleichtert. © dpa
Polizeibeamte durchsuchen nach dem Festivalabbruch wegen Terrorgefahr das Veranstaltungsgelände. Der genaue Hintergrund für den Terroralarm war zunächst unklar. Foto: Thomas Frey
Festivalbesucher haben in Nürburg das Musikfestival Rock am Ring verlassen. Foto: Thomas Frey
Bereits nachmittags wurde vor der Hauptbühne das Schild mit der Aufschrift "Kein Platz für Terror" hochgehalten. Foto: dpa
02.06.2017

"Rock am Ring": Terroralarm war gestern, heute wird wieder gefeiert

Entwarnung nach dem Terroralarm: Das Musikfestival «Rock am Ring» in der Eifel ist am Samstagmittag wie geplant fortgesetzt worden. Am Freitagabend war die Großveranstaltung mit fast 90.000 Fans wegen möglicher Terrorgefahr unterbrochen worden. Gegen drei Männer aus Hessen wurde ein Ermittlungsverfahren wegen der Vorbereitung eines Explosionsverbrechens eingeleitet.

Sie wurden vorläufig festgenommen, sind seit Samstagmorgen wieder auf freiem Fuß. Es wird weiter ermittelt, einen konkreten Tatverdacht gibt es laut Polizei derzeit aber nicht.

Auslöser für den Alarm seien Unstimmigkeiten zwischen den tatsächlichen Personen und den registrierten Namen auf Zugangsausweisen für sicherheitsrelevante Bereiche gewesen, teilten die Ermittler am Samstag mit. Über mindestens einen der Verdächtigen lägen «deutliche Erkenntnisse im Bereich des islamistisch geprägten Terrorismus» vor.

Bildergalerie: Rock am Ring: Gestern Terroralarm, heute Party

Bildergalerie: Terroralarm bei Rock am Ring

«In einer solchen Bewertungssituation dürfen wir keine Risiken einbauen», sagte der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD). Er verwies auf ähnliche vorsorgliche Absagen, etwa beim Fußball-Länderspiel Deutschland-Niederlande in Hannover im November 2015 kurz nach den Anschlägen von Paris und beim Radrennen «Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt» im April 2015. Im Februar 2015 war zudem der Karnevalsumzug in Braunschweig wegen Hinweisen auf mögliche Terroranschläge abgesagt worden.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte sich in der Nacht hinter Lewentz' Entscheidung gestellt, das Festival zu unterbrechen: «Für diese schwierige wie verantwortungsvolle Entscheidung hat er meine volle Unterstützung. So bitter es ist, die Sicherheit der Festivalbesucher muss an erster Stelle stehen.»

Die Entscheidung für eine Fortsetzung des Festivals gab die Koblenzer Polizei am Samstagvormittag über den Kurznachrichtendienst Twitter bekannt: «Wir freuen uns mit euch. Es geht weiter!» Die Veranstalter schrieben auf Facebook: «Das ist die Nachricht, auf die alle «Rock am Ring»-Fans warten. Nach intensiven Durchsuchungen des gesamten Festivalgeländes haben sich die Verdachtsmomente für eine akute Gefährdungslage nicht erhärtet.»

Für den Samstag standen unter anderem Auftritte der deutschen Bands Donots, Beatsteaks, Kraftklub sowie als Hauptattraktion am späten Abend Die Toten Hosen auf dem Programm. Der am Freitagabend abgesagte Auftritt der Band Rammstein konnte aus organisatorischen Gründen nicht nachgeholt werden.

Ein Polizeisprecher sagte, es habe keinerlei Zwischenfälle gegeben, als die Festivalbesucher auf das Gelände zurückkehrten. «Die sind so entspannt, wie gestern - auch so entspannt, wie sie gestern Abend waren, als das Gelände geräumt wurde», betonte er. Anzeichen für Nervosität habe es nicht gegeben: «Die Leute sind gut drauf.»

Während sich der Platz vor der Hauptbühne füllte, gab es auch die eine oder andere Reaktion auf den Terroralarm vom Vorabend zu sehen. «Fuck Terror», stand auf dem handgeschriebenen Pappschild, das ein Musikfan in die Luft hielt. Auch in sozialen Medien wurde auf gute Laune gesetzt. «Jetzt feiert, was das Zeug hält!», hieß es in einer Twitter-Nachricht. Ein anderer Nutzer schrieb: «Wünsche allen Festivalteilnehmern jetzt endlich mal unwetter- und terrorfreien Musikgenuss. Show musst go on....» Im vergangenen Jahr war «Rock am Ring» wegen schwerer Unwetter abgebrochen worden.

Dieses Jahr kam die Unterbrechung des dreitägigen Festivals wenige Stunden nach dem Auftakt am Freitagabend. Zehntausende Fans wurden per Lautsprecherdurchsagen aufgefordert, das Gelände zu verlassen. Die Räumung verlief problemlos und friedlich. Veranstalter Marek Lieberberg zeigte sich beeindruckt, dass 86 000 Besucher in einer Viertelstunde das Festivalgelände verlassen hätten. «Wir haben hier auch ein Zeichen für unsere Kultur gesetzt.»

Für die Sicherheit des Festivals ist ein Großaufgebot der Polizei im Einsatz: 1240 Polizisten wurden an den Nürburgring geschickt. Das Sicherheitskonzept war nach dem Terroranschlag auf ein Konzert in Manchester vor anderthalb Wochen mit mehr als 20 Toten noch einmal überprüft worden. Beim parallel in Nürnberg stattfindenden Zwillingsfestival «Rock im Park» waren die Konzerte am Freitagabend ohne Probleme weitergegangen.

Rammstein-Konzert endgültig abgesagt

Enttäuschung für Rammstein-Fans bei «Rock am Ring»: Der am Abend wegen eines Terroralarms abgesagte Auftritt der deutschen Band wird aus organisatorischen Gründen nicht nachgeholt. «Wir wissen, dass sich viele Fans auf das Konzert gefreut haben, die nun enttäuscht sind! Auch wir hätten gern gespielt», schrieben die Musiker auf dem offiziellen Facebook-Account der Band. Auch auf dem Kurznachrichtenkanal Twitter hieß es: «Leider ist es entgegen anderslautender Gerüchte aufgrund der Festival-Abläufe nicht möglich, die Show bei Rock am Ring heute nachzuholen.»

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Die Vorgeschichte

Der Auftritt der Band Rammstein sollte den ersten Höhepunkt auf dem diesjährigen «Rock am Ring Festival» setzen. Doch dann machen gegen 21.00 Uhr Lautsprecherdurchsagen die Vorfreude Zehntausender Fans jäh zunichte.

Angeblich soll die Polizei zwei Mitarbeiter eines Subunternehmers verhören. Es habe am Abend die Befürchtung bestanden, dass die beiden Männer etwas auf dem Gelände hinterlegt haben. Eine konkrete Gefährdung habe aktuell eher nicht bestanden. Die Polizei am Nürburgring wollte sich zu dem Bericht nicht äußern.

«Aufgrund einer akuten terroristischen Gefährdung wird das Festival für heute abgebrochen. Wir hoffen, dass es morgen weitergeht. Bitte begebt euch zu den Ausgängen. Eure Schutzengel», hören die Fans auf dem Festivalgelände.

Eher erstaunt als geschockt reagieren die Festivalbesucher. Keine Pfiffe sind zu hören. Ruhig bewegen sich die Massen zu den Ausgängen. Bereits eine halbe Stunde später ist das Gelände geräumt, wie Veranstalter Marek Lieberberg berichtet. «Unser Publikum hat fantastisch reagiert.» Knapp 90.000 zumeist junge Menschen wurden erwartet, das dreitägige Festival war ausverkauft.

Was genau diese terroristische Bedrohungslage auslöste, bleibt zunächst unklar. Als Lieberberg, ein erfahrener Musikpromoter und seit Jahrzehnten ein Schwergewicht in der Branche, vor die Presse tritt, ist er sichtlich aufgebracht. Er spricht von Vermutungen, dass Leute, die mit dem Aufstellen von Zäunen beschäftigt waren, verdächtig seien. Und dass diese Information in die Medien durchgesickert sei. «Ich fühle mich entsetzlich leer und ausgepowert», sagt Lieberberg. «Ist das das Ergebnis unserer wehrhaften Demokratie? Was wird als nächstes abgesagt?»

Die Polizei hält sich dagegen komplett bedeckt - sie will zunächst auch nichts dazu sagen, ob das Festival am Samstag fortgesetzt werden kann. «Es gibt kein zeitliches Gerüst, wann wir das Gelände wieder freigeben.»

Der Anschlag auf ein Konzert in Manchester am 22. Mai, als sich ein Attentäter im Eingangsbereich in die Luft sprengte und 22 Menschen mit in den Tod riss, hat auch in Deutschland die Konzertbranche noch einmal aufgeschreckt. Die Terrorgefahr war zwar allgegenwärtig, aber das Attentat verdeutlichte noch einmal, dass es keine absolute Sicherheit geben kann.

Auch für das Festival «Rock am Ring» waren deshalb die Sicherheitsbedingungen noch einmal auf den Prüfstand gestellt worden. Gründliche Einlasskontrollen waren angekündigt, die Polizei mobilisierte mehr als 1200 Beamte, die für die Sicherheit der Festivalbesucher sorgen sollen.

Es ist nicht das erste Mal, dass «Rock am Ring» unterbrochen werden musste, zuletzt wurde das Festival 2016 wegen Blitzschlägen und zahlreichen Verletzten nach dem zweiten Tag abgebrochen. Doch eine Unterbrechung wegen Terrorgefahr gab es noch nie - in dieser Größenordnung womöglich noch nie in Deutschland.

Am Abend, nach dem Abbruch, kursieren über den Kurznachrichtendienst Twitter Videos, die singende Rockfans zeigen, die ganz offensichtlich auf dem Weg in ihre Zelte und Unterkünfte sind. Laute Gesänge sind zu hören: «Eins kann mir keiner nehmen, und das ist die pure Lust am Leben», tönen die Zeilen der Band Geier Sturzflug. Vielleicht geht es ja am Samstag weiter.

Das Festivalgelände werde genau untersucht, sagte der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD), der selbst vor Ort war, der Deutschen Presse-Agentur. «Es gibt ein paar Punkte, auf die sich konzentriert wird», sagte Lewentz. Für Samstag sei eine Lageeinschätzung geplant, um 11.00 Uhr solle die Öffentlichkeit informiert werden, wie es bei dem bis Sonntag geplanten Festival weitergeht.

Die rheinland-pfälzische Landesregierung bestätigte die Terrorwarnung. Es gebe Hinweise auf eine mögliche terroristische Bedrohungslage, sagte Ministeriumssprecher Joachim Winkler der Deutschen Presse-Agentur. Von der Polizei hieß es weiter: «Derzeit laufen Ermittlungen mit Hochdruck. Genaue Hintergründe können wir derzeit noch nicht nennen.» Die Unterbrechung sei nötig gewesen, «da die Sicherheit an erster Stelle steht und eine Gefährdung von Festivalbesuchern in jedem Fall soweit wie möglich ausgeschlossen werden muss».

Angesichts des jüngsten Terroranschlags auf ein Popkonzert in Manchester hatten die Veranstalter zuvor „gründliche Einlasskontrollen und Bodychecks“ in der Eifel angekündigt. 1200 Polizisten sollen das Festival schützen.

Die Fans versuchen derweil, dem Terror zu trotzdem: "Terror ist scheiße" singen die Menschen vor Ort, wie die Rhein-Zeitung berichtet.

Über die Onlinemedien, Radio sowie die eigenen Social-Media-Kanäle wird das Rock-am-Ring-Team die Besucher auf dem Laufenden halten. Die Polizei hat zudem ein Infotelefon geschaltet. Die Telefonnummer lautet 0800/6565651.