nach oben
Bob Dylan macht sich rar. Foto: Didier Plowy
Bob Dylan macht sich rar. Foto: Didier Plowy
09.12.2016

Stockholm wartet auf den Nobelpreisträger

Stockholm (dpa) - Selten hat die Schwedische Akademie so einen Coup gelandet. «Der Literaturnobelpreis 2016 geht an... Bob Dylan!», verkündet Akademie-Chefin Sara Danius Anfang Oktober.Die einen jubeln, die anderen fluchen - und die Jury reibt sich die Hände. Denn wenn es eins gibt, das dem Nobel-Ruf gut tut, dann ist es ein umstrittener und vor allem völlig überraschender Preis. Ziemlich schnell geht den schwedischen Juroren aber auf, dass die Wahl des US-Rockpoeten nicht ohne Fallstricke ist. Wochenlang schweigt Dylan zu der Auszeichnung, und zur Verleihung in Stockholm am Samstag erscheint die Musiklegende auch nicht.

Während die übrigen Nobelpreisträger - mit Ausnahme des Friedensnobelpreisträgers, der in Oslo geehrt wird - brav vortreten und ihre Medaillen von König Carl XVI. Gustaf entgegennehmen, hat Dylan «andere Verpflichtungen». Welche? Auch darüber schweigt der 75-Jährige, der den Nobelpreis als erster Songschreiber überhaupt «für seine poetischen Neuschöpfungen in der amerikanischen Gesangstradition» bekommen hat. Seine offizielle Webseite weist als nächsten Tour-Termin den 3. Mai 2017 aus.

Für die Akademie ist die Abwesenheit am Samstag nur die Spitze des Eisbergs. Schon, dass Dylan nach der Zuerkennung des Preises ewig nicht erreichbar war, hatte in der Jury für Grummeln gesorgt. Das war aus dem sonst so verschlossenen Gremium sogar an die Öffentlichkeit gedrungen - wenn auch sehr vorsichtig: «Wenn er sich in nächster Zeit, sagen wir innerhalb des nächsten Monats nicht melden würde, dann fände ich das unhöflich und arrogant», sagt der Nobeljuror Per Wästberg Ende Oktober.

Eine knappe Woche später lässt der Preisträger endlich von sich hören - per Brief. Die Reaktion passt zu Dylan, der öffentliche Termine wie diese seit Jahrzehnten weitestgehend meidet und Interviews ablehnt. Versöhnlich hat der Rockstar die Juroren damit gestimmt, dass er in letzter Minute noch eine Dankesrede eingereicht hat, die beim Nobelbankett am Samstag vorgelesen werden soll. Wer diese Aufgabe übernehme, sei noch ein Geheimnis, erklärt die Akademie kurz davor.

Als kleines Trostpflaster für Dylans Wegbleiben singt die Punk-Ikone Patti Smith bei der Verleihung dessen Song «A Hard Rains A-Gonna Fall». Das sei doch «nicht schlecht», findet ein Insider, der meint, die Akademie habe Dylan längst verziehen: «Alle sind froh.»

Jetzt setzt die Nobelpreis-Gemeinde darauf, dass Dylan sich im Frühjahr in Stockholm blicken lässt. «Ich hoffe, dass Bob Dylan das tut, worauf er Lust hat», sagt Sara Danius dem schwedischen Radio nach der Absage des Rockstars für die Feier im Dezember. «Es wäre fantastisch, wenn er eine Rede halten würde.» Aber sie würde sich auch über einen «Auftritt irgendeiner Art» freuen.

Ob ihr Wunsch in Erfüllung geht, ist nicht gesagt. Jeder Preisträger muss zwar innerhalb von einem halben Jahr nach der Verleihung eine Nobelrede halten. Diese kann aber zum Beispiel auch als Video eingereicht werden, wie es bei Alice Munro der Fall war. Die Kanadierin, die den Nobelpreis 2013 für ihre Kurzgeschichten bekam, war nicht fit genug für die lange Reise über den Atlantik. Danius hat die Hoffnung, dass Dylan sie doch noch persönlich beehrt, aber noch nicht aufgegeben: Es gebe «gute Chancen» dafür, meint die Akademie-Chefin.